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FED, EZB und Bank of Japan lassen weiterhin Vorsicht walten


07.06.21 10:32
ETHENEA

Munsbach (www.anleihencheck.de) - Marathonläufer kennen das Ritual - nach Wochen des harten Trainings werden in den letzten Wochen vor dem Wettkampf der Trainingsumfang langsam zurückgefahren, die Kohlenhydratspeicher mit Unmengen Nudeln und Kartoffeln aufgefüllt, Körper und Geist mental auf die Kraftanstrengung vorbereitet, so Tobias Burggraf, Portfolio Manager von ETHENEA Independent Investors S.A.

Der Körper könne sich erholen und jedes harte Training kurz vor dem Wettbewerb sei sogar schädlich und mindere die Aussichten auf Erfolg. Tapering, englisch für "drosseln, runterfahren", komme ursprünglich aus dem Marathon-Sport, sei aber spätestens seit 2013 auch Investoren ein Begriff. Damals habe der Vorsitzende der US-Notenbank Ben Bernanke angekündigt, die Anleihenkäufe zurückfahren zu wollen. Das sei für viele Marktteilnehmer überraschend gekommen. Die Renditen von US-Staatsanleihen seien daraufhin nach oben geschossen und die Aktienmärkte seien abgestürzt.

Das wolle die US-Notenbank diesmal unbedingt verhindern. Mittlerweile würden aber wieder erste Stimmen lauter, die angesichts einer sich erholenden Wirtschaft und hoher Bewertungen über alle Märkte hinweg ein Zurückfahren der geldpolitischen Unterstützung fordern würden. Robert Kaplan, der Vorsitzende der Dallas-FED, habe sich als erster aus der Deckung getraut und öffentlich von "Exzessen und Ungleichgewichten an den Finanzmärkten" gesprochen und gefordert, dass bei der nächstmöglichen Gelegenheit über eine Anpassung der Geldpolitik diskutiert werden sollte.

Selbst dem FED-Vorsitzenden Jerome Powell sei während der Pressekonferenz im Anschluss an die letzte Notenbanksitzung, beabsichtigt oder unbeabsichtigt, das Wort "frothy" (also "schaumig", "blasenartig") im Zusammenhang mit der aktuellen Situation an den Märkten herausgerutscht. Auch das im Mai veröffentlichte Sitzungsprotokoll der FED zeige, dass einige Teilnehmer angedeutet hätten, dass sie eine Diskussion über eine Anpassung des Tempos der Anleihenkäufe bei den kommenden Sitzungen für angebracht halten würden.

Wohlgemerkt: Derzeit werde eine Diskussion über eine mögliche Diskussion der Anleihenkäufe geführt. Von einer tatsächlichen Anpassung sind wir also noch ein ganzes Stück entfernt, so die Experten von ETHENEA. Die Experten von ETHENEA würden davon ausgehen, dass die FED frühestens in der Juni-Sitzung über eine Drosselung beraten und ihr Anleihenkaufprogramm nicht vor Herbst, vielleicht sogar erst Ende des Jahres, anpassen werde. Auch dann sei vorerst nur eine moderate Anpassung der Volumen wahrscheinlich, bevor im zweiten Schritt Zinserhöhungen ins Gespräch gebracht würden. Die EZB werde ihre Geldpolitik voraussichtlich noch später zurückfahren und frühestens Anfang nächsten Jahres eine Straffung umsetzen.

Wie ein Ausstieg aus der lockeren Geldpolitik aussehen könnte, ohne dass dies zwangsläufig zu einem Crash an den Finanzmärkten führen müsse, würden derzeit die kleineren Zentralbanken vormachen. Die Bank of Canada habe im April vorgelegt, indem sie angekündigt habe, ihr Anleihenprogramm um rund eine Milliarde Kanadische Dollar von 4 Mrd. auf 3 Mrd. pro Woche (25 Prozent) zu reduzieren. Es werde erwartet, dass in den folgenden Sitzungen im Juli und September weitere Reduzierungen um jeweils eine Milliarde angekündigt würden. Das habe erwartungsgemäß für einen festeren Kanadischen Dollar und eine Ausweitung der Renditeaufschläge kanadischer Staatsanleihen gegenüber US-Treasuries gesorgt. Das befürchtete Taper-Tantrum wie in 2013 und ein damit verbundener massiver Abverkauf kanadischer Staatsanleihen sei aber ausgeblieben.

Die Bank of England sei nach der Bank of Canada die zweite Zentralbank, die angekündigt habe, das Tempo ihrer Anleihenkäufe von 4,4 Mrd. Pfund auf 3,4 Mrd. Pfund pro Woche zu drosseln. Gleichzeitig habe sie betont, dass dies nicht als Verschärfung der Geldpolitik interpretiert werden sollte und dass das Auslaufdatum des Kaufprogramms und sein Gesamtvolumen von 895 Milliarden Pfund unverändert bleiben würden.

Die Neuseeländische Zentralbank habe die Märkte Ende Mai mit der Prognose überrascht, dass sie die Leitzinsen bereits in der zweiten Hälfte des kommenden Jahres anheben könnte. Dies hänge allerdings davon ab, ob sich die Wirtschaft wie erwartet entwickeln werde, so der geldpolitische Ausschuss der RBNZ. Vorerst bleibe der Leitzins also auf niedrigen 0,25% und das Anleihenkaufprogramm bei einem Gesamtvolumen von 100 Mrd. Neuseeland Dollar. Der Kiwi-Dollar und die Anleihenrenditen seien nach der Ankündigung angestiegen.

Auch in Australien nehme der Druck zu, nachdem der wirtschaftliche Ausblick im Statement on Monetary Policy (SOMP) im Mai angehoben worden sei und die Notenbank angedeutet habe, dass sie in der Juli-Sitzung über die weitere geldpolitische Richtung entscheiden könnte. Derzeit sei das Anleihenkaufvolumen auf 100 Mrd. Australische Dollar gedeckelt und das Renditeziel für dreijährige Staatsanleihen liege bei 0,1%. Im Gespräch seien eine Verlängerung des Kaufprogramms und eine Verlängerung der Zinskurvenkontrolle von April 2024 auf November 2024. Die Nationalbank werde wohl die kommenden Wirtschaftsdaten abwarten wollen, bevor sie eine Entscheidung treffe. Bei einer weiteren Erholung werde eine Verlängerung allerdings unwahrscheinlicher.

Darüber hinaus habe eine Reihe kleinerer europäischer Zentralbanken in Mittel- und Osteuropa sowie in Nordeuropa kürzlich eine Straffung ihrer Geldpolitik angekündigt. In Ungarn habe Notenbank-Vizepräsident Barnabás Virág überraschend eine Zinserhöhung bereits im Juni dieses Jahres angekündigt, um einer potenziell außer Kontrolle geratenen Inflation zuvorzukommen. Diese habe im April mit 5,1% den höchsten Stand seit Jahren erreicht. In Polen und der Tschechischen Republik sehe es nicht anders aus; die Inflation liege mit 4,3% bzw. 3,1% über den Inflationszielen der Notenbanken, weshalb die Falken zunehmend nach einer Straffung der Geldpolitik rufen würden.

Ähnlich Töne werden bei unseren skandinavischen Nachbarn angeschlagen: Die Riksbank in Schweden gab Ende April bekannt, dass sie an ihrem Plan festhält und ihr QE-Programm gegen Ende des Jahres 2021 vollständig beenden wird, so die Experten von ETHENEA. Norwegens Zentralbank, die Norges Bank, habe zwar nie ein Anleihenkaufprogramm aufgesetzt, aber angekündigt, dass sie die Leitzinsen in der zweiten Hälfte des Jahres 2021 anheben werde. Und zuletzt habe die Isländische Zentralbank mit einer Straffung ihrer Geldpolitik überrascht, indem sie die Zinsen für Festgelder mit einer Laufzeit von sieben Tagen von 0,75 Prozent auf 1 Prozent angehoben habe. Der Zinsanstieg sei mit dem zunehmenden Inflationsdruck sowie einem Anstieg der Löhne und Immobilienpreise begründet worden.

Nur die großen Notenbanken - die US-Notenbank, die Europäische Zentralbank und die Bank of Japan - würden weiterhin die Füße still halten. Dies wird vorerst auch so bleiben und freut die Märkte, insbesondere die Anleiheninvestoren, die grundsätzlich keine Überraschungen mögen, so die Experten von ETHENEA.

Die Strategie berge aber auch Risiken. Niemand weiß mit Sicherheit, wie sich die Wirtschaft in Zukunft entwickeln wird, und vielleicht wird die FED mit ihrer Einschätzung Recht behalten, dass die Erholung noch deutlich länger dauern wird als uns allen lieb ist, so die Experten von ETHENEA. Portfoliomanagement sei in erster Linie aber auch immer Risikomanagement, also das Vermeiden oder Minimieren von Risiken mit geringer Eintrittswahrscheinlichkeit. Und sollte die FED mit ihrer Einschätzung danebenliegen, könnte das fatale Folgen haben - die Wirtschaft könnte überhitzen, die Inflation deutlich über die 4- bis 5 Prozent-Marke hinausschießen. Dann müsste die FED umso stärker auf die Bremse treten, und das würde dann richtig weh tun.

Das führt uns zurück zum Marathon, so die Experten von ETHENEA. Vielleicht sei doch gerade jetzt der richtige Zeitpunkt für die US-Notenbank, ihre Anleihenkäufe sukzessive herunterzufahren, gewissermaßen langsam auszutraben, anstatt sich auf den letzten Metern noch zu verausgaben und es dann womöglich nicht ins Ziel zu schaffen. Beispiele, wie es funktionieren könne, würden derzeit ja schon andere Notenbanken liefern. (Ausgabe 6 vom Juni 2021) (07.06.2021/alc/a/a)