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Eurozone: Politisches Risiko lässt deutlich nach - Vorsichtige Haltung gegenüber Staatsanleihen erscheint aber sinnvoll


06.06.17 11:14
J.P. Morgan Asset Management

Frankfurt (www.anleihencheck.de) - Für die Eurozone galt 2017 als ein Jahr der potenziellen politischen Umbrüche, so die Experten von J.P. Morgan Asset Management

Die Anleger hätten befürchtet, dass eine der Anti-Euro-Parteien die Wahlen in den Niederlanden, Frankreich und Deutschland gewinnen und die Zukunft der Währungsunion damit infrage gestellt sein könnte. Diese Sorge habe sich jedoch als unbegründet erwiesen: Sowohl in den Niederlanden als auch in Frankreich seien die Wähler dem Beispiel der Österreicher gefolgt und hätten ihren populistischen, Euro-feindlichen Kandidaten eine Absage erteilt.

In Deutschland sei die Gefahr eines AfD-Wahlsiegs im September minimal. Das größte Risiko für den Euro sei nach wie vor Italien, wo es weitaus weniger Befürworter der Gemeinschaftswährung gebe als in anderen Ländern Europas. Ein Euro-Referendum nach der nächsten Parlamentswahl sei aber selbst in Italien nicht das wahrscheinlichste Szenario. In Großbritannien dürfte die Konservative Partei ihre Parlamentsmehrheit noch ausbauen können, obwohl das Ergebnis der Brexit-Verhandlungen weiterhin äußerst ungewiss sei. Ein Verbleib im Binnenmarkt sei allerdings sehr unwahrscheinlich.

Mit dem Wahlsieg der EU-freundlichen Kandidaten in den Niederlanden und Frankreich habe sich das politische Risiko in Europa seit Jahresbeginn deutlich verringert. Während die Märkte auf diese entspanntere Risikolage bereits positiv reagiert hätten, seien über die Hälfte der Gelder, die seit Januar 2016 aus europäischen Aktien abgezogen worden seien, noch nicht wieder zurückgekehrt - ein Indiz für weiteres Aufwärtspotenzial.

Obwohl die politischen Risiken in Europa nicht völlig verschwunden seien, was wahrscheinlich auch niemals der Fall sein werde, hätten etliche Investoren schon reichlich Erträge verpasst, weil sie sich zu sehr auf die Politik und zu wenig auf die besseren Fundamentaldaten in der Wirtschaft konzentrieren würden. Die Geschäftsklimaindikatoren für die Eurozone würden den besten Wachstumsausblick seit 2011 signalisieren, und es dürfte so gut wie sicher sein, dass in Deutschland im Herbst eine EU-freundliche Regierung gewählt werde.

Das einzige wirklich ernst zu nehmende politische Risiko für die Eurozone bestehe im kommenden Jahr darin, dass ideologisch sehr unterschiedliche Parteien nach den Wahlen in Italien eine Koalition gegen den Euro bilden würden - vorausgesetzt, der M5S erreiche weniger als 40% der Stimmen, die erforderlich seien, um alleine zu regieren. Sollte sich dieses relativ geringe Risiko - wie alle anderen in diesem Jahr - nicht bewahrheiten, würden die Investoren wahrscheinlich abermals aufatmen und sowohl europäische Aktien als auch den Euro zusätzlich beflügeln.

Eine vorsichtige Haltung gegenüber Staatsanleihen aus der Eurozone möge sinnvoll erscheinen, was aber weniger mit den politischen Risiken als mit der Wahrscheinlichkeit zu tun habe, dass eine robustere europäische Wirtschaft die EZB allmählich zum Abbau ihrer quantitativen Lockerung bewegen könnte. Auch das würde dem Euro zugute kommen. Da die politischen Risiken in Italien allerdings höher anzusiedeln seien als in anderen europäischen Ländern, sei besondere Vorsicht gerade in Bezug auf italienische Staatsanleihen möglicherweise ratsam.

Insgesamt zeichne sich in Europa jedoch eine Verbesserung der Wirtschaftslage ab, mit deutlich steigenden Gewinnen und Anlegern, die trotz der geringeren Risiken auf politischer Ebene weiterhin relativ vorsichtig seien. In diesem Umfeld sollte der Ausblick für Aktien aus der Eurozone weiterhin positiv sein. In Großbritannien dagegen bestehe weiterhin eine enorme Ungewissheit. Umfangreiche Positionen oder große Sektor- bzw. Währungsengagements könnten teuer zu Buche schlagen, auch wenn britische Aktien zulegen könnten. (06.06.2017/alc/a/a)