Erweiterte Funktionen

Eurozone: Die Erholung ist im Gange, aber sie verliert bereits an Schwung


02.09.20 08:45
Hamburg Commercial Bank

Hamburg (www.anleihencheck.de) - Die Eurozone erholt sich von dem tiefen Einbruch im ersten Halbjahr und wird 2021 wahrscheinlich ein Wachstum von +5,6% nach -9,0% im Jahr 2020 verzeichnen, so die Analysten der Hamburg Commercial Bank AG.

Es dürfte bis 2023 dauern, bei das BIP-Niveau von vor der Coronakrise erreicht werde. Kurzfristig sollte die Inflation kein Problem darstellen, die Arbeitslosigkeit werde voraussichtlich steigen und die Geldpolitik dürfte sehr akkommodierend bleiben.

Die Entwicklung von Covid-19 sei der wichtigste zu betrachtende Konjunkturindikator. Derzeit baue sich eine zweite Welle auf. Die Situation sei besser als zu Beginn der Krise, weil Regierungen und Menschen gelernt hätten, mit dem Virus umzugehen, ohne einen umfassenden Shutdown einleiten zu müssen. Wenn jedoch die Infektionen weiter zunehmen und die Krankenhäuser überfordert würden, wäre auch das Szenario eines Shutdowns nicht vollkommen auszuschließen.

Die Aktienmärkte hätten nach dem freien Fall im Februar/März wieder Boden gutgemacht. Seit Juni hätten die meisten Aktien jedoch an Schwung verloren. Länderspezifisch sei es mit Ausnahme von Deutschland noch ein weiter Weg, um die Vor-Corona-Werte wieder zu erreichen. Was die Kreditmärkte betreffe, so hätten sich die Spreads nach einer deutlichen Ausweitung zu Beginn der Krise sehr stark eingeengt. Sowohl an den Aktien- als auch an den Kreditmärkten hätten Unternehmen aus dem Technologiesektor die beste Performance gezeigt. Reiseverkehr & Freizeit, Banken sowie Öl & Gas würden zu den schlechtesten Performern gehören. Die sich insgesamt verbessernde Situation sei vor allem auf die massive Unterstützung durch staatliche Unterstützungs- und Stimuluspakete und auf die Politik der Zentralbanken zurückzuführen.

Die Analysten würden eine neue Generation von Frühindikatoren betrachten. Diese so genannten hochfrequenten Indikatoren würden zeigen, dass die meisten Länder das Vor-Corona-Produktionsniveau noch nicht wieder erreicht hätten und sich die Erholung bereits verlangsame, bevor sie wirklich begonnen habe. Die Einkaufsmanagerindices (PMI) würden in dieses Muster passen, da sie nachlassendes Wachstums anzeigen würden. Die Geschäftsklimaindices würden den Analysten zeigen, dass es noch ein weiter Weg sei, um zu den vor der Coronakrise erreichten Aktivitätsniveaus zurückzukehren.

Das zweite Quartal sei der Tiefpunkt in Bezug auf das BIP-Niveau gewesen. Das BIP der Eurozone sei im 2. Quartal um 12,1% QoQ geschrumpft. Die Analysten würden ein Wachstum in Q3 und Q4 erwarten, aber das vor der Coronakrise erreichte Aktivitätsniveau werde erst Ende 2022 oder noch später erreicht werden. Die endgültige Genehmigung des EU-Wiederaufbaufonds werde für die Wachstumsaussichten der Eurozone sehr wichtig sein, da sich das Unterstützungspaket für Länder wie Spanien und Italien auf etwa 10% ihres jeweiligen BIP belaufen könnte.

Die Rezession im Industriesektor, die mehr als ein Jahr gedauert habe, dürfte zu Ende sein. Allerdings werde die Produktion im 3. Quartal nur von einem sehr niedrigen Niveau aus, nämlich etwa 17% weniger als im Vorquartal, zu wachsen beginnen.

Rezessionen würden in der Regel einen Abwärtsdruck auf Wohnimmobilienpreise ausüben, da die betroffenen Haushalte aufgrund steigender Arbeitslosenzahlen weniger in der Lage seien, ihre Hypothekenschulden zu bedienen und somit viele ihr Haus verkaufen müssten. Staatliche Unterstützung in Form von Kurzarbeiterregelungen habe den Anstieg der Arbeitslosigkeit bisher jedoch begrenzt. Die Gesamtwirkung auf die Immobilienpreise hänge auch von der pandemiebedingten Homeoffice-Nutzung ab, die stark zugenommen habe. Wenn dieser Trend sich als dauerhaft erweisen sollte, könnten die Preise in den so genannten A-Städten längerfristig unter Druck geraten. Auf der anderen Seite dürften die Menschen, die von zu Hause aus arbeiten würden, mehr Platz benötigen.

Der Anstieg der Arbeitslosigkeit sei nicht so stark, wie man es angesichts des freien Falls des BIP hätte erwarten können. Kurzarbeiterregelungen und andere Unterstützungsmaßnahmen (wie z.B. die Aussetzung der Insolvenzantragspflicht bis Dezember 2020 in Deutschland) hätten den Schaden bisher begrenzt. In den nächsten Quartalen werde jedoch die Zahl der Insolvenzen und damit auch die Arbeitslosigkeit deutlich zunehmen.

Das Kreditwachstum habe in den letzten Monaten erheblich zugenommen, da die Regierungen über Entwicklungsbanken wie KfW (Deutschland), ICO (Spanien), Agence Francaise de Development (Frankreich) und Bürgschaftsprogramme wie z.B. den Fondo Centrale di Garanzia und CDP (Italien) und Bpifrance Financemet SA (Frankreich) Kredite vergeben hätten. Insbesondere Italien und Spanien, wo das Kreditwachstum in den letzten Jahren negativ gewesen sei, würden zur Ausweitung des Kreditvolumens beitragen. Die notleidenden Kredite, die in den letzten Jahren deutlich reduziert worden seien, würden im nächsten Jahr zunehmen.

Die Verbraucherpreise seien in der Eurozone zuletzt im Jahresvergleich gesunken. Die Energiekomponente trage nach wie vor negativ zu den Inflationsraten bei. Was die einzelnen Länder betreffe, würden insbesondere Italien, Spanien und Deutschland zu der negative Inflation beitragen. Im Falle Deutschlands sei dies auf eine vorübergehende Senkung der Mehrwertsteuer zurückzuführen, während in Spanien und Italien die Preise stärker unter Abwärtsdruck seien, da die Rezession dort besonders tief sei. Angesichts sich wieder etwas erholender Ölpreise und des Beginns der konjunkturellen Erholung im H2 2020 seien die marktbasierten Inflationserwartungen gestiegen. Die Erwartungen der professionellen Prognostiker hätten jedoch ihren Abwärtstrend fortgesetzt.

Die Staatsverschuldung sei aufgrund von fiskalischen Unterstützungspaketen und Konjunkturprogrammen deutlich gestiegen. Die massiven Anleiheankäufe der EZB hätten jedoch zu einem Abwärtstrend der Risikoaufschläge für Staatsanleihen in Ländern wie Italien, Spanien, Portugal und Griechenland beigetragen. Weitere Unterstützung sei vom EU-Wiederaufbaufonds gekommen, der noch der Zustimmung des Europäischen Parlaments sowie der nationalen Parlamente bedürfe.

Christine Lagarde, Präsidentin der EZB, habe im Frühjahr eine klare Aussage gemacht: "Zuallererst ist der Staat gefragt" ("Fiscal first and foremost"). Inzwischen hätten die Regierungen diese Forderung erfüllt, und die EZB habe ihren Teil dazu beigetragen, indem sie u.a. die Anleiheankäufe über das PEPP-Programm erhöht, die Sicherheitenbedingungen für Repogeschäfte gelockert und neue TLTRO angeboten habe. Das PEPP-Programm, das ein Volumen von 1.350 Mrd. Euro habe, könnte weiter aufgestockt werden, aber kurzfristig bestehe kein Handlungsbedarf. (Ausgabe vom 01.09.2020) (02.09.2020/alc/a/a)