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Europa, Österreich, Zentral- und Osteuropa: Überraschungsinflation


19.11.21 09:46
Raiffeisen Bank International AG

Wien (www.anleihencheck.de) - Der Inflationspfad in der Eurozone, Österreich und vor allem in Zentral- und Osteuropa (CEE) im Jahr 2021 hat aufgrund mehrerer Faktoren nach oben überrascht, was uns dazu veranlasst hat, unsere Prognosen im Laufe des Jahres (deutlich) nach oben zu korrigieren, so die Analysten der Raiffeisen Bank International AG (RBI).

Für die Eurozone und Österreich hätten die Analysten der RBI ihre 2021er Verbraucherpreis-Prognosen nur vergleichsweise moderat um 0,2 bis 0,7 Prozentpunkte anheben müssen (aktuell vs Jahresmitte 2021). Nicht zu verachten sei aus globaler Sicht, dass der Ökonomenkonsens die 2021er Inflationsprognose für die USA seit Juni um 1,4 (!) Prozentpunkte von bereits beachtlichen 2,9% auf lange nicht gesehene 4,3% angehoben habe. Denn die letzten Inflationsspitzen (Jahresschnitt) in den USA lägen bei 2,9% bzw. 3,8% in den fernen Zeiten vor der Globalen Finanzkrise - in einem noch anderen "Inflationsregime".

Der Aufwärtsdruck bei der Kerninflation und den Löhnen in den USA sei aktuell deutlich erkennbar, insbesondere im Vergleich zur Eurozone. Hier in der Eurozone habe vor allem der dynamische Anstieg der Ölpreise, gefolgt von den Gaspreisen, in letzter Zeit nicht nur zu einem Anstieg der Kraftstoffpreise, sondern auch zu einem etwas breiteren Preisdruck in anderen Bereichen der Wirtschaft geführt. Gleichzeitig hätten sich die angebotsseitigen globalen (Lieferketten-)Störungen, von denen man erwartet habe, dass sie "nur" mehrere Quartale andauern würden, als noch stärker und langwieriger erwiesen als angenommen und dies vor allem, weil der globale Aufschwung kraftvoller sei als erwartet. All die zuvor skizzierten Faktoren seien besonders belastend angesichts der Handelsoffenheit in Europa, Österreich und CEE.

Obwohl die Inflation in CE/SEE und Österreich unlängst historische bzw. mehrjährige Höchststände erreicht habe bzw. nahe daran liege, werde sie noch weiter ansteigen, was dazu führe, dass die durchschnittlichen VPI-Prognosen der Analysten der RBI für 2022 meist über jenen von 2021 lägen; in Österreich und den wichtigsten CEE-Volkswirtschaften - mit der möglichen Ausnahme Ungarns - bestünden zusätzliche Preissteigerungsrisiken, die sich aus einem absehbaren Anstieg regulierter Preise bzw. Steueränderungen ergeben würden. In Österreich sollte die durchschnittliche Inflation von 2,6% in 2021 auf 3,6% in 2022 ansteigen. Bis zum Jahresende 2022 sei mit einer gewissen Mäßigung zu rechnen, doch werde diese Prognose weitgehend von der nachhaltigen Auflösung globaler Probleme abhängen, insbesondere von den Störungen auf der Angebotsseite (Rohstoff- und Vorleistungsengpässe sowie hohe Transportkosten), die in dem Basisszenario der Analysten der RBI im Laufe des Jahres 2022 nachlassen dürften.

Während sich der Inflationsanstieg 2021 in Österreich im europäischen Gleichklang bewege und die positive Inflationsdifferenz (traditionell höhere Inflation in Österreich als in der Eurozone) 2021 geringer ausfallen werde als in den Vorjahren, sollte Österreich entgegen dem europäischen Trend 2022 einen weiteren Inflationsanstieg verzeichnen. Dieser sei durch und durch "österreichisch", da sich darin vor allem länderspezifische Sonderfaktoren (Steuereffekte, CO2-Besteuerung) widerspiegeln würden. Vor diesem Hintergrund würden die Analysten der RBI erwarten, dass die Inflationsraten in 2022 und 2023 mit 3,6% und 2,6% deutlich über der Preisdynamik der Eurozone liegen sollten, nahe an den Spitzenwerten der letzten Dekade (3,6% bzw. 3% in 2011 und 2008) und über dem langfristigen Inflationsschnitt der letzten Dekade (ca. 1,9%).

In der Nachbarschaft sei struktureller Inflationsdruck derzeit vor allem in den CE-3-Ländern Tschechien, Ungarn und Polen erkennbar, die teilweise schon vor der Pandemie mit solchen Entwicklungen konfrontiert gewesen seien. Der Preisanstieg werde durch die angespannten Arbeitsmarktbedingungen beschleunigt (die jetzt und vor der Pandemie zu beobachten gewesen seien), während die CE-Länder mit Inflationsraten um die 3% gleichzeitig keinen "deflationären" Schock (wie in der Eurozone oder in Teilen Südosteuropas) im Jahr 2020 erlebt hätten.

Die Analysten der RBI würden davon ausgehen, dass die Kerninflation in diesen Ländern im Jahr 2022 noch höher ausfallen und im Durchschnitt 4,5% gegenüber den für dieses Jahr erwarteten 4,1% erreichen werde. Die Kerninflation sei in Südosteuropa bisher niedriger, wobei die hohen Kraftstoff-, Strom- und Lebensmittelpreise sowie die globalen Versorgungsunterbrechungen die Hauptursachen für den Anstieg des VPI seien. Da diese Verzerrungen jedoch weiter fortbestehen würden, bestehe die Gefahr, dass sich der Aufwärtsdruck verstärke und sich auch in Südosteuropa auf weitere Preiskategorien auswirke. Im Falle Rumäniens bestünden zudem erhebliche länderspezifische Aufwärtsrisiken, für 2022 werde eine Inflation von über 7% erwartet (7,7%, verglichen mit dem bisherigen langfristigen Höchststand von 7,9% im Jahr 2008).

Im Gegensatz zu den zuvor skizzierten Werten und Relationen sei die Inflationssituation in Österreich noch etwas weniger dramatisch. Der erwartete deutliche Anstieg in 2022 sei vor allem auf Einmal- und Sonderfaktoren zurückzuführen. Insbesondere das aktuell für Ende 2021 angesetzte Auslaufen der befristeten Mehrwertsteuersenkung in der Hotellerie und Gastronomie dürfte für einen beträchtlichen Inflationsschub sorgen und den inflationären Effekt der CO2-Steuer (Einführung Mitte 22) klar in den Schatten stellen. Aber es gelte genau diese Effekte klar zu kommunizieren und zu durchdringen, damit sich Inflationserwartungen nicht verfestigen würden.

Die Zentralbanken in CEE hätten auf die hohen VPI-Werte bereits mit Zinserhöhungen im Jahr 2021 reagiert und in Südosteuropa habe sich Rumänien angeschlossen. Eine frühzeitige und kühne Straffung der Geldpolitik in CEE scheine angesichts der im Vergleich zu den Industrieländern und der Eurozone weniger fest verankerten Inflationserwartungen, der traditionell höheren Übertragungseffekte von den Erzeugerpreisen auf den VPI und gewisser Wechselkursschwächen angemessen. Auch die mutigen Zinserhöhungen einzelner Zentralbanken (wie der CNB) würden zum Anpassungswettbewerb nach oben beitragen.

Darüber hinaus gehe es bei Notenbanken in CEE und Schwellenländern nicht mehr nur darum, sich gegen die Ankündigung des FED-Taperings abzusichern (wie es Anfang 2021 der Fall gewesen sei), sondern auch gegen immer früher als erwartete US-Zinserhöhungen und Marktrisiken, dass die FED schneller und/oder entschiedener an der Zinsschraube drehen könnte. Dies gilt umso mehr, als die mittelfristigen Inflationsaussichten in den USA heute viel schwieriger zu sein scheinen mit einer Inflation, die von 2021 bis 2023 über den Zielwerten der FED bleiben sollte, so die Analysten der RBI. Die EZB sollte sich eher mit verlängerten Anleihekäufen und Marktpräsenz gegenüber möglichen Übertragungseffekten ausgehend von der FED absichern.

Von Markt- und Wechselkursrisiken sei Österreich durch die Euromitgliedschaft (größtenteils) geschützt. Allerdings werde deutlich, dass es in den kommenden Jahren wohl auch darum gehe, eine für Länder wie Österreich nicht jederzeit perfekt passende geldpolitische Ausrichtung der EZB - wenn nötig - mit nationalen und makroprudenziellen Maßnahmen abzufedern.

Die Inflations(prognose)unsicherheit bleibe in den kommenden zwölf bis 24 Monaten hoch. Möglicherweise bewegen wir uns in den fortgeschrittenen Volkswirtschaften und vor allem auch in der Eurozone auf ein neues globales Inflationsregime zu, mit höheren Preissteigerungen als im letzten Jahrzehnt, so die Analysten der RBI. Abgesehen davon sei die Inflation eine der am schwierigsten zu modellierenden und zu prognostizierenden wirtschaftlichen Variablen. Neben komplexen und interdependenten Angebots- und Nachfragemechanismen könne Inflation auch rein aus Erwartungskomponenten entstehen. Gerade Letztere lägen auch in der Hand der Zentralbanken - wenn und falls sie nicht zu spät reagieren würden. (19.11.2021/alc/a/a)