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Euroland: Mäßiges Wachstum im ersten Quartal - EZB vertagt Entscheidung auf Juni


02.05.22 10:14
Nord LB

Hannover (www.anleihencheck.de) - Im ersten Quartal schwächte sich die Wachstumsdynamik im Euroraum weiter ab, so so Christian Lips, Chefvolkswirt, und Bernd Krampen von der NORD/LB.

Das preis- und saisonbereinigte BIP sei nur mäßig um 0,2% Q/Q gewachsen, die Jahresrate notiere bei 5,0% Y/Y. Das Wirtschaftswachstum sei im ersten Quartal erneut gebremst worden von der Corona-Pandemie, hinzugekommen seien im März zunehmende Belastungen durch die Auswirkungen des Kriegs in der Ukraine.

Das Wachstumstempo der größten Volkswirtschaften im Euroraum habe sich im ersten Quartal wieder stärker angenähert, da die Dynamik in Frankreich, Spanien und Italien teils deutlich abgenommen habe. Die größte Volkswirtschaft Deutschland habe trotz der vielfältigen Belastungen (Omikron, Knappheiten, Ukrainekrieg) zumindest wieder zu einem leichten Wachstum (+0,2% Q/Q) zurückkehren und so eine technische Rezession knapp umschiffen können. Wachstumstreiber seien die Investitionen gewesen, während der Außenbeitrag gebremst habe.

Frankreichs Wirtschaftsleistung habe überraschend in den ersten drei Monaten stagniert, was vor allem auf die starke Ausbreitung der Omikron-Variante und die hiervon ausgehende Dämpfung der Konsumfreude der privaten Verbraucher zurückzuführen sei. Auch in Spanien habe sich die Konjunktur deutlich abgekühlt, die Quartalswachstumsrate habe sich von zuvor 2,2% auf nur noch 0,3% abgeschwächt. Italiens Wirtschaftsleistung sei zum Jahresauftakt sogar leicht geschrumpft (-0,2%). Sehr kräftige Zuwächse hätten Portugal (+2,6%) sowie Österreich verzeichnet, das mit +2,5% den coronabedingten Einbruch des Vorquartals mehr als habe ausgleichen können. An ihrer Wachstumsprognose für 2022 in Höhe von 2,7% würden die Analysten der NORD/LB wegen der sich abzeichnenden Belastungen durch den Ukrainekrieg festhalten.

Der Inflationsdruck habe im April nicht nachgelassen, im Gegenteil: Gemäß HVPI Flash Estimate sei die Inflation im abgelaufenen Monat auf einen neuen Rekordwert von 7,5% Y/Y geklettert. Zusätzlich sei es zu einem im Ausmaß überraschend kräftigen Anstieg der Kernrate auf 3,5% Y/Y gekommen. Dies sei ein weiterer Beleg dafür, dass es inzwischen breit angelegt zu übermäßigen Preissteigerungen komme und damit auch die Gefahr einer Verstetigung der hohen Inflation zunehme. Hierfür spreche auch der rasante Anstieg der Produzentenpreise, deren Jahresrate bereits über 30% Y/Y liege.

Die real verfügbaren Einkommen würden durch die Inflation massiv belastet, der Preisschub werde so auch immer mehr zu einem konjunkturellen Problem. Die Inflation dürfte im Jahresmittel deutlich über 6% Y/Y und damit weit über dem EZB-Zielwert liegen.

Die Europäische Zentralbank (EZB) habe auf ihrer Aprilsitzung erwartungsgemäß noch keine weitreichenden Veränderungen an der geldpolitischen Ausrichtung beschlossen. Vor dem Hintergrund des erheblich angestiegenen Inflationsdrucks hätten die Währungshüter aber intensiv die Auswirkungen des Krieges in der Ukraine für Konjunktur und insbesondere Preisniveaustabilität diskutiert. In den letzten Wochen habe der Druck auf die EZB, ihren geldpolitischen Exit zu beschleunigen, noch einmal deutlich zugenommen. Auch aus Sicht der EZB habe sich der Inflationsdruck "über viele Sektoren hinweg intensiviert".

Die Analysten der NORD/LB würden daher mit erneut deutlichen Revisionen rechnen, wenn die EZB im Juni ihre dann aktualisierten Projektionen vorstelle. Die EZB sei gut beraten, sehr zügig die Nettoankäufe einzustellen und die Negativzinsen abzuschaffen. Steigende mittelfristige Inflationserwartungen und auch die Euroschwäche seien Warnsignale, dass das Vertrauen in die EZB anderenfalls abnehmen dürfte. Insofern seien die zuletzt vermehrten Signale aus Reihen der EZB zu begrüßen, dass die APP-Nettoankäufe zur Jahresmitte enden und eine erste Zinserhöhung bereits im Juli, zumindest im Laufe des dritten Quartals erfolgen könnte. Die Kapitalmärkte hätten eine bald bevorstehende Zinswende der EZB eingepreist, die Kapitalmarktzinsen hätten in den vergangenen Wochen einen historischen Anstieg verzeichnet. (Ausgabe Mai 2022) (02.05.2022/alc/a/a)