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Euro-Zone - näher am Auseinanderbrechen oder an der Vergemeinschaftung der Schulden?


14.05.20 12:45
BNY Mellon IM

Brüssel (www.anleihencheck.de) - Wird die Euro-Zone diese Krise überstehen? Wird sie eher auseinanderbrechen oder die Schulden auf alle Schultern verteilen? Das fragt Paul Brain, Leiter des Fixed Income Teams bei Newton Asset Management - einer Gesellschaft von BNY Mellon Investment Management.

Wie immer seien dies politische Fragen, die nicht mit Sicherheit beantwortet werden könnten:

Nach Meinung der Experten würden sich die nordeuropäischen Länder weiter gegen ein gemeinsam unterstütztes staatliches Anleiheemissionsprogramm wehren. Denn sie würden befürchten, dass durch ein solches Programm "schlechtes Verhalten" als Belohnung aufgefasst werden würde. Außerdem müssten sie sich vor den eigenen Steuerzahlern dafür rechtfertigen.

Die Europäische Zentralbank (EZB) könne aufgrund ihrer derzeit lockeren Auslegung der Obergrenzen für den Kapitalschlüssel beträchtliche Summen italienischer Anleihen aufnehmen, die wahrscheinlich ausreichen würden, um die notwendige Anleiheemission bis zum Jahresende abzudecken. Hinzu komme, dass die Renditeniveaus der Neuemissionen italienischer Staatsanleihen (BTP) immer noch nahe an historischen Tiefstständen seien. Die Spreads seien noch nicht so groß wie während der durch die Wahlen im letzten Jahr verursachten Volatilität. Aus diesen Gründen würden die Experten keine kurzfristigen Finanzierungsprobleme sehen.

Da die Wirtschaft der Euro-Zone jedoch weiter schrumpfe und der Bankensektor Schwierigkeiten habe, würden die Stimmen, die einen gemeinsamen europäischen "Konjunkturfonds" befürworten würden, wahrscheinlich lauter werden. Dennoch würden die Experten glauben, dass die Nordeuropäer argumentieren würden, dass Italien unter solchen Umständen den Europäischen Stabilitätsmechanismus (ESM) nutzen sollte, der Ländern oder Banken in der Eurozone finanzielle Unterstützung in Krisenzeiten bereitstelle. Jedoch würden die südeuropäischen Länder aus Sicht der Experten einen solchen Schritt nicht akzeptieren, da sie glauben würden, dass dies mit zu vielen Einschränkungen und Bedingungen verknüpft wäre, wie sie ihre eigenen Volkswirtschaften gestalten sollten.

Die Experten würden deshalb annehmen, dass eine Art Konjunkturfonds eingerichtet werde, der im Einklang mit bestehenden Organisationen wie der Europäischen Investitionsbank (EIB) stehe oder der sogar über eine gemeinsame Haushaltsstruktur verwaltet werden würde. Die Verwendung einer bestehenden Struktur könnte als "gesichtswahrende" Maßnahme angesehen werden, die die wahren Kosten verschleiern und diese gleichzeitig unter Kontrolle halten könnte. Einen solchen Fonds könnte man einfacher schließen, sobald er nicht mehr benötigt werden sollte.

Die Idee eines Konjunkturfonds werde zunehmend wahrscheinlicher, da das Bundesverfassungsgericht in Deutschland die EZB aufgefordert habe, ihr Anleihekaufprogramm zu rechtfertigen. Deshalb könnte es sein, dass die lockere Auslegung der Regeln durch die EZB nicht über das Jahr hinaus Bestand habe. Ein Konjunkturfonds wäre dann eine mögliche und gangbare Alternative. (14.05.2020/alc/a/a)