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Euro-Staatsanleihen: Das Ende der Risikoaufschläge?


14.10.20 12:15
Merck Finck Privatbankiers

München (www.anleihencheck.de) - Die Risikoaufschläge von Staatsanleihen der Euro-Peripherie sind im Sinkflug, so Marc Decker, Head of Asset Management bei Merck Finck Privatbankiers AG.

Langfristig würden sie sich auf die Null zu bewegen. Die Länderrisiken würden immer mehr in den Hintergrund treten. Diese Marktentwicklung komme den Regierungen der Peripherie-Länder zur günstigen Finanzierung ihrer Staatshaushalte entgegen und reagiere auf die Politik der stärkeren Integration in der EU. Doch sie werde lange dauern und mitnichten linear verlaufen. In Krisensituationen werde es immer wieder zu sprunghaften Anstiegen der Risikoaufschläge kommen. Doch angesichts des langfristigen Trends seien das Einstiegsgelegenheiten für Investoren.

Italienische Staatsanleihen stünden prototypisch für das Absinken der Risikoaufschläge: Absolut betrachtet würden sich die Renditen italienischer Staatsanleihen über die gesamte Zinsstrukturkurve hinweg auf ihren Allzeittiefs befinden. Aber auch relativ betrachtet bewege sich der Renditeabstand von italienischen Staatsanleihen gegenüber vergleichbaren Bundesanleihen zielsicher in Richtung der historischen Tiefststände. Selbst die viel geschundenen griechischen Staatsanleihen würden sich dem Renditeabstand nähern, den sie vor der Eurokrise gehabt hätten.

Diese Konvergenz der Renditen habe nur wenig mit strukturellen Fortschritten in den Ländern zu tun; sie sei politisch gewollt. Mit dem Einstieg in die Vergemeinschaftung von Schulden im Euroraum sei dies einmal mehr unmissverständlich deutlich geworden. Hinzu komme, dass die Europäische Zentralbank (EZB) zwar nicht als verlängerter Arm der Regierungen agiere - aber doch mit ihren Kaufprogrammen das nachhaltige Absinken der Renditeaufschläge mit vorangetrieben habe. Womöglich würden die Risikoaufschläge niemals ganz bis auf null absinken, doch die Richtung sei klar.

Zuletzt sei das Zusammenlaufen der Spreads von den Marktteilnehmern immer weiter beschleunigt worden. Solange die Peripheriestaaten noch mit Risikoaufschlägen locken, die faktischen Risiken aber gedeckelt scheinen, treibt die Suche nach Erträgen die Investoren in diese Anleihen, so die Experten von Merck Finck Privatbankiers. Die meist prall gefüllten Orderbücher bei Neuemissionen würden dies zeigen. Eine Anleihe aus Portugal habe vor einigen Wochen beispielsweise ein Rekordorderbuch von weit über 40 Milliarden Euro zusammengebracht.

Schützenhilfe komme aus den USA. Dort seien die bis vor wenigen Monaten noch interessanten Renditen von US-Staatsanleihen durch die noch lockerere Zinspolitik der Notenbank FED auf Niveaus abgesunken, die die verbliebenen Renditeaufschläge der europäischen Peripherie wieder relativ interessant erscheinen lassen würden. Die Folge: Es gebe noch mehr Nachfrage nach den Papieren und die Renditen würden weiter sinken.

Die gute Nachricht für Investoren: Die Zeit der einzelnen Länderrisiken - und damit der Renditeaufschläge - sei in Europa noch lange nicht vorbei, solange die einzelnen Staaten souverän wirtschaften und sich auch eigenständig finanzieren müssten. Deswegen werde es vor allem in Krisenzeiten immer wieder zu deutlichen Ausschlägen der Renditeaufschläge kommen. Für Investoren seien das ideale Gelegenheiten, einzusteigen oder Engagements aufzubauen. (14.10.2020/alc/a/a)