Erratischer Newsflow zum Handelskonflikt treibt Märkte


04.09.19 13:00
Raiffeisen Capital Management

Wien (www.anleihencheck.de) - Der Handelskonflikt zwischen den USA und China ist nach wie vor der größte Unsicherheitsfaktor für die Weltwirtschaft und für die Finanzmärkte, so Ingrid Szeiler, CIO der Raiffeisen KAG.

Dies gelte allerdings nicht nur im negativen Sinn. Das hätten nicht zuletzt die Entwicklungen im August gezeigt. Auf die beidseitigen Ankündigungen neuer bzw. höherer Zölle seien unmittelbar beschwichtigende Worte gefolgt. Entsprechend seien auch die Märkte hin- und hergerissen. Es scheine, dass keine der beiden Parteien als Verlierer vom Platz gehen möchte, immerhin könnte das vom politischen Gegner als Schwäche ausgelegt werden. Andererseits würden weder die USA noch China eine Rezession wollen. Ausgang daher: ungewiss.

All das mache die Einschätzung der Kapitalmarktentwicklung nicht einfacher. Fest stehe allerdings: Wenn man mit einem Schlauchboot auf einen Wasserfall zufahre, gebe es einen bestimmten Punkt, an dem kein Gegenrudern mehr helfe. Dann werde man von der Strömung in die Tiefe gerissen. Diesen Punkt dürfte man momentan noch nicht erreicht haben. Das würden die Wirtschaftsdaten zeigen, die zwar im Produktionsbereich sehr schwach seien, im Dienstleistungsbereich aber noch recht robust aussehen würden. Die Unternehmen würden gut verdienen. Die - für die Finanzmärkte relevanten - Aussichten würden aber kontinuierlich nach unten revidiert.

Die Signale aus dem Aktienmarkt selbst seien mehrheitlich negativ. Technische Indikatoren wie beispielsweise Momentum und Marktbreite hätten sich spürbar verschlechtert. Die Daten zur Investorenstimmung seien unterdessen uneinheitlich. In Summe würden die Indikatoren eine Reduktion der Aktienquote rechtfertigen. Gold und Silber hätten in den letzten Wochen nach jahrelangen Abwärtstrends ein Lebenszeichen von sich gegeben. Die guten Gründe für steigende Preise dürften nunmehr stärker wahrgenommen werden.

Die Zinskurve der zweijährigen und zehnjährigen US-Staatsanleihen sei im August erstmals seit Mai 2007 wieder invers geworden, was ein unüberhörbares Rezessions-Warnsignal sei. Die gesamte deutsche Staatsanleihekurve weise eine negative Rendite aus und verspreche Hold-to-Maturity Investoren einen fixen Verlust. Zudem würden u.a. die aktuelle zehnjährige und 30-jährige deutsche Staatsanleihe keinen Kupon (0%) bezahlen. Der Begriff "Fixed Income" fühle sich damit irgendwie nicht mehr richtig an. Die Renditesuche werde schwierig. In Erwartung sinkender Spreads würden die Experten verstärkt auf Schwellenländer-Hartwährungs-Staatsanleihen setzen.

Die meisten Wirtschaftsindikatoren hätten im August vor allem in der Eurozone wieder deutlich negativ überrascht. Die Risikoprämien von Unternehmensanleihen seien bis Mitte August gestiegen. Mit einer abermaligen Entspannung an der Handelskriegsfront seien diese gegen Monatsende wieder gesunken. Der erratische Newsflow rund um den Handelskonflikt USA vs. China bleibe der marktbewegende Faktor und sorge in erster Linie für erhöhte Volatilität. Die Experten würden im Rahmen ihres Unternehmensanleihen-Exposures weiterhin Duration- und Spreadrisiko nehmen. Ihr Übergewicht von EUR BBB & BB Credits vs. EUR HY Credits bleibe aufrecht.

Im August seien die Risikoprämien von Emerging-Markets-Hartwährungs-Staatsanleihen angestiegen. Die sich laufend ändernde Rhetorik hinsichtlich des Handelsstreits zwischen den USA und China habe zwar eine Rolle gespielt, zuletzt hätten aber vor allem lateinamerikanische - und hier argentinische - Papiere verloren. Wohl auch deshalb, weil der wirtschaftsliberale Präsidentschaftskandidat Mauricio Macri bei der anstehenden Wahl (27.10. 2019 sowie 24.11. 2019) wahrscheinlich doch nicht wiedergewählt werden dürfte und ein abermaliger Staatsbankrott nicht ausgeschlossen werden könne.

Die entwickelten Aktienmärkte hätten in den letzten Wochen seitwärts tendiert, wobei weiterhin weniger Fundamentaldaten im Mittelpunkt stünden, als vielmehr erneut politische Themen (Handelspolitik & Geldpolitik). Als wichtigster Unterstützungsfaktor würden sich einmal mehr die internationalen Notenbanken erweisen, während der Blick auf die Gewinndaten unverändert ernüchternd ausfalle.

Die Diskussionen inwieweit eine globale Rezession bevorstehe - Stichwort Zinskurveninversion in den USA - und das Hin und Her im Handelskonflikt seien eine Gemengelage, die für Emerging Markets nichts Gutes bedeuten könne. Daher sei der Monat August für Schwellenländer-Aktien recht enttäuschend gewesen auch im Vergleich zu den entwickelten Aktienmärkten. Zuletzt habe sich auch der Gewinntrend wieder verschlechtert. Daher würden die Experten bei Emerging-Markets-Aktien weiter vorsichtig positioniert bleiben, bis sich der Preistrend verbessere. Fundamental würden Emerging-Markets-Aktien attraktiv bewertet bleiben.

Die internationalen Rohstoffmärkte hätten sich in den letzten Wochen wieder stärker präsentiert. Vor allem Edelmetalle hätten von der Aussicht auf erneut expansivere Geldpolitik profitieren können. Dies zeige sich auch an den anhaltenden Zuflüssen in börsennotierte Produkte auf Gold. Generell seien viele Segmente im Rohstoffbereich weiterhin von einer angespannteren Angebotssituation gekennzeichnet. Dies spiegle sich auch in einer (für Investoren) positiveren Kurvenstruktur wider. (04.09.2019/alc/a/a)