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Emerging Markets-Anleihen: Risiken steigen aufgrund von Covid-19-Lockdowns


06.11.20 09:31
Raiffeisen Capital Management

Wien (www.anleihencheck.de) - Das Ergebnis der USA-Wahl ist noch nicht bekannt und der Kampf der Präsidentschaftskandidaten um den Einzug ins Weiße Haus noch voll im Gange, so Ingrid Szeiler, CIO der Raiffeisen Kapitalanlage-Gesellschaft m.b.H. (Raiffeisen KAG).

Derzeit zeichne sich zwar ein Wahlgewinn des Demokraten Joe Biden ab, doch sicher sei das noch nicht. Denn Trump, der schon gestern den Sieg für sich reklamiert habe, werde wohl alle ihm zur Verfügung stehenden Hebel in Bewegung setzen, um den Sieg auf seine Seite zu ziehen (zumindest sofern er diesen nicht auf herkömmlichem Weg erzielen werde, denn noch sei alles offen). Nachdem das Stoppen der Briefwahlstimmen nicht erfolgreich gewesen sei, habe Trump gestern Abend die juristische Anfechtung der Ergebnisse in einzelnen Bundesstaaten angekündigt.

Sollte Biden die Wahl für sich entscheiden, so stehe er für "Green Deal", Steuererhöhungen (allerdings aufgrund der republikanischen Mehrheit im Senat schwer durchzusetzbar), mehr Regulierung, Freihandel und Infrastrukturausgaben. Donald Trump stehe hingegen - abgesehen von den Infrastrukturausgaben - für das Gegenteil davon: Er möchte Steuern senken, weniger Regulierung und Handelsbeschränkungen durchsetzen.

Gemeinsam mit der Präsidentschaftswahl werde auch ein Drittel der 100 Sitze im Senat vergeben. Diese Wahl sei fast genauso wichtig, denn die Partei, die den Präsidenten stelle, könne nur mit einer Mehrheit im Senat ihre Gesetze durchbringen. Das sei gerade für die Ausgestaltung des nächstes Fiskalpakets von großer Bedeutung. Nach aktuellem Stand würden die Republikaner eine knappe Mehrheit im Senat behalten.

Abseits der US-Wahl beschäftige die Märkte vor allem Covid-19. Dass die Infektionszahlen im Herbst wieder ansteigen würden, sei Konsens gewesen. Eine Eskalation, wie wir sie dieser Tage erleben, inklusive nahender Auslastung der Gesundheitssysteme, hatten wir allerdings nicht in den Karten, so die Experten der Raiffeisen KAG. Insofern sei es notwendig, das Strategiedrehbuch zu überdenken. In den letzten Monaten hatten wir in der taktischen Positionierung mit Blick auf die wichtigsten Einflussfaktoren für die Finanzmärkte zunehmend Zuversicht gefasst, so die Experten der Raiffeisen KAG. Eine beginnende Konjunkturerholung, über den Erwartungen liegende Unternehmensergebnisse, die niedrige Inflation und signifikante Maßnahmen seitens Geld- und Fiskalpolitik hätten die Experten zu einer schrittweisen Anhebung der Aktienquote in den gemischten Fonds bewogen. Zuletzt sei die Ausrichtung neutral mit dem Plan gewesen, die US-Wahl vorübergehen zu lassen und dann aktienseitig weiter zuzukaufen.

Aufgrund der jüngsten Entwicklungen in Sachen Covid-19 sähen die Experten der Raiffeisen KAG von diesem Plan fürs Erste ab. Weder sei die Dauer der Lockdowns noch deren Strenge, und auch nicht die Anzahl der Länder, die sich zu einem solchen Schritt gezwungen sähen, absehbar. Damit stehe auch über den Auswirkungen auf die globale Konjunktur ein großes Fragezeichen. In Bezug auf die Märkte heiße das nicht unbedingt, dass große Rückschläge drohen würden. Sowohl Regierungen als auch Notenbanken würden ihre Maßnahmen abermals aufdoppeln, um die negativen Auswirkungen der Pandemie einzudämmen. Dass sich damit einige Segmente der globalen Finanzmärkte noch weiter von der wirtschaftlichen Realität entfernen würden, sei ein Risiko, um das man sich wohl früher oder später kümmern müsse.

Staatsanleihen der europäischen Peripherie (insbesondere Italien und Spanien) waren im Rahmen unserer Anleihen-Asset-Allocation bislang die Zugpferde, so die Experten der Raiffeisen KAG. Die Experten würden nun vorläufig die starke Positionierung von italienischen Staatsanleihen reduzieren, nachdem deren Risikoprämien wieder Niveaus von Februar 2020 und damit Vor-Covid-19-Niveaus erreicht hätten. Bei kerneuropäischen Staatsanleihen (insbesondere Deutschland und Frankreich) würden die Experten nach wie vor sehr zurückhaltend bleiben.

Trotz zugenommener Volatilität an den Aktienmärkten im Monat Oktober hätten sich die Spreads von Euro-Investmentgrade Unternehmensanleihen gut halten können und die gestiegene Risikoaversion an den Aktienmärkten praktisch nicht reflektiert. Daher würden die Experten der Raiffeisen KAG für diese Assetklasse weiterhin positiv bleiben, da sie auch deren Refinanzierungsmöglichkeiten am Primärmarkt (auch im Falle eines weiteren Lockdowns) nicht als gefährdet sähen. Zudem dürfte diese Assetklasse von einer erwarteten abermaligen Aufstockung des EZB-Anleiheprogramms im Dezember profitieren.

Innerhalb der Anleiheklassen würden die Experten der Raiffeisen KAG bei Schwellenländer-Hartwährungsanleihen eine vorsichtige Strategie verfolgen und sähen das als eine der besten Möglichkeiten, um in Hinblick auf einen abermaligen Covid-19-Lockdown und eine rückläufige globale Handelsaktivität positioniert zu sein. Aus diesem Grund hätten die Experten diese Anleiheklasse bereits im Vormonat zurückgefahren, nachdem sie hier einen Großteil des Jahres 2020 sehr stark auf sie gesetzt hätten. Die Experten würden vorerst globale Staatsanleihen und Euro-Staatsanleihen gegenüber Emerging Markets-Hartwährungsanleihen bevorzugen.

Die stark steigenden Infektionszahlen (und damit einhergehend erneute Einschränkungen) hätten nun auch die internationalen Aktienmärkte erfasst. Den unmittelbar negativen wirtschaftlichen Auswirkungen stünden weiterhin umfangreiche Fiskalpakete und die Aussicht auf nochmalig aggressivere geldpolitische Maßnahmen gegenüber. Positiv zu sehen sei, dass zuletzt sogar positive Gewinnrevisionen überwogen hätten. Die Experten der Raiffeisen KAG würden vorerst bei ihrer neutralen Haltung bleiben, würden aber erneute stärkere Kursrückgänge in der Folge zu Zukäufen nutzen.

Während eine zweite heftige Welle des Virus über Europa fege, sei der asiatische Raum weiterhin die Insel der Seligen - keine Neuinfektionen und stabile ökonomische Entwicklung. Insbesondere China lasse kaum mehr Einschränkungen der wirtschaftlichen Leistungen durch Corona erkennen. Das lasse sich auch an der Gewinnentwicklung der asiatischen Unternehmen ablesen, die sich sehr fest entwickle. In der Peripherie der Emerging Markets (Lateinamerika und Osteuropa) seien die Spuren dafür überdeutlich.

Nach einer Erholung in den letzten Monaten hätten sich die Rohstoffpreise zuletzt seitwärts entwickelt. Bei den zyklischeren Sektoren (Energie- und Industriemetalle) sähen die Experten der Raiffeisen KAG das kurzfristige Aufwärtspotenzial limitiert. Die unverändert sehr expansiven, globalen Notenbanken in Kombination mit deutlich negativen Renditen bei sicheren Staatsanleihen würden diesen Sektor unterstützen. (Ausgabe vom 05.11.2020) (06.11.2020/alc/a/a)