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EZB wird durch temporären Inflationsanstieg hindurchsehen


22.02.21 10:30
Nord LB

Hannover (www.anleihencheck.de) - Erwartungsgemäß hat die zweite Corona-Infektionswelle die Wirtschaftsleistung in den letzten Monaten des Jahres 2020 erneut gebremst, so Christian Lips, Chefvolkswirt bei NORD/LB.

Das preis- und saisonbereinigte Bruttoinlandsprodukt sei in Euroland im Vergleich zum Vorquartal allerdings nur moderat um 0,6% geschrumpft. Der entscheidende Grund für die Unterbrechung des Erholungsprozesses im Schlussquartal sei die zweite Infektionswelle in der Coronakrise, die seit dem Herbst in weiten Teilen Europas grassiere. Noch immer befänden sich viele Länder Europas im Lockdown.

Während diese Welle gemessen an den Infektionszahlen noch heftiger ausfalle als die erste im letzten Frühjahr, würden die Belastungen für die Gesamtwirtschaft deutlich geringer ausfallen. In Deutschland, Spanien, Portugal und Belgien habe die Wirtschaftsleistung sogar leicht zugelegt. Vor allem sei dies der unerwartet hohen Dynamik in der Industrie zu verdanken, wodurch der teils dramatische Einbruch der wirtschaftlichen Aktivität in den besonders von Kontaktbeschränkungen betroffenen Wirtschaftsbereichen kompensiert worden sei.

Diese Zweiteilung scheine sich zum Jahresbeginn fortzusetzen. Der PMI Industrie sei im Februar auf 57,7 Punkte und somit ein Drei-Jahreshoch geklettert, während der PMI Dienstleistungen nochmals leicht auf 44,7 Punkte gefallen sei. Trotz der schwierigen Lage in diesem Winter stünden die Chancen gut, dass der derzeit nur unterbrochene konjunkturelle Aufholprozess mit einem Überwinden der zweiten Welle wieder deutlich an Fahrt gewinne. Hierzu mögen günstigere Witterungsbedingungen ab dem Frühjahr einen Beitrag leisten, der entscheidende Faktor ist jedoch ein Erfolg der Impfungen, so die Analysten der NORD/LB. Für 2021 sei weiterhin ein BIP-Wachstum von gut 4% in Reichweite.

Wie erwartet sei die Inflationsrate zum Jahresauftakt in positives Terrain zurückgekehrt. Wir hatten bereits seit längerer Zeit auf die vielfältigen Faktoren hingewiesen, die zu einer deutlich höheren HVPI-Jahresrate im Laufe des Jahres 2021 führen werden, so die Analysten der NORD/LB. Überraschend sei dann jedoch das Ausmaß der Aufwärtsbewegung gewesen. Gegenüber Dezember sei die Inflationsrate von -0,3% auf +0,9% Y/Y gesprungen, was zugleich im historischen Vergleich den bislang größten gemessenen Monatsanstieg darstelle.

Die Ursachen hierfür seien vielfältig. Die relativ robuste Entwicklung der Industrie dank der hohen Nachfrage führe laut jüngsten Umfragen inzwischen schon zu deutlich steigenden Rohstoff- und damit Einkaufspreisen. Der Effekt auf die Verkaufspreise sei jedoch bislang relativ moderat, was auf eine geringe Preissetzungsmacht der Unternehmen hindeuten könnte. So seien es vor allem Basiseffekte beim Rohölpreis, die in diesem Jahr einen deutlichen Anstieg der Energiepreise bewirken würden. Im Januar sei der Inflationsbeitrag zwar noch negativ gewesen, der ermäßigende Effekt auf die Jahresrate habe jedoch bereits deutlich nachgelassen. Zudem hätten einige Sonderfaktoren wie die Rückkehr zu normalen MWSt-Sätzen in Deutschland oder eine höhere CO2-Bepreisung inflationssteigernd gewirkt.

Krisenbedingt größere statistische Anpassungen würden zudem die Interpretation der jüngsten Daten der Preisstatistik erschweren. Zudem verzerre auch die Verschiebung von sonst im Januar üblichen Schlussverkäufen, die aber zeitverzögert nachgeholt würden. Es spreche viel dafür, dass der Inflationsanstieg in diesem Jahr temporärer Natur sei. Auch die marktbasierten mittelfristigen Inflationserwartungen seien trotz des jüngsten Anstiegs weiterhin moderat.

Die Kapitalmarktrenditen hätten zuletzt in den wichtigen entwickelten Volkswirtschaften aufwärts tendiert, allen voran in den USA. Zuletzt habe sich auch die Eurozone diesem Trend nicht mehr entziehen können. Die Rendite von Bundesanleihen mit zehnjähriger Restlaufzeit sei in Richtung -0,30% geklettert. Trotz relativ moderater Inflationserwartungen seien zuletzt auf mittlere Sicht bereits wieder steigende Leitzinsen eingepreist worden. Der EZB-Rat habe jedoch bereits im Januar laut Sitzungsprotokoll gemahnt, den temporären Inflationsanstieg nicht als dauerhaft anzusehen. Es spreche viel dafür, dass die Geldpolitiker durch den aktuellen temporären Impuls hindurchsehen würden. Große Bedeutung werde die EZB in nächster Zeit den Finanzierungsbedingungen beimessen. Allerdings sei dies nicht so zu verstehen, dass jede Straffung des monetären Umfelds zu Reaktionen der Notenbank führen werde. (Ausgabe März 2021) (22.02.2021/alc/a/a)