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EZB verkündet neue Strategie - Inflationsziel von 2% betont Symmetrie


08.07.21 17:00
Nord LB

Hannover (www.anleihencheck.de) - Die Europäische Zentralbank hat schneller als erwartet ihre Beratungen zur Neuausrichtung der geldpolitischen Strategie zum Abschluss bringen können und heute die Ergebnisse veröffentlicht, so die Analysten der Nord LB.

Seit dem Beginn des Überprüfungsprozesses am 23. Januar 2020 seien relevante Themen in 13 separaten Workstreams betrachtet und intensiv - teilweise öffentlich - diskutiert worden.

Eine der wesentlichsten Veränderungen sei die Neuausrichtung des Inflationsziels auf 2% auf mittlere Sicht, gemessen an der Entwicklung des harmonisierten Verbraucherpreisindex (HVPI) für den Euroraum. Hierdurch solle die Symmetrie des Inflationsziels besser als in der Vergangenheit verdeutlicht werden. Die alte Zielformulierung von "unter, aber nahe bei 2%" habe durchaus zu unterschiedlichen Interpretationen geführt. Explizit formuliere die EZB nun, dass "negative Abweichungen von diesem Zielwert (2%) ebenso unerwünscht sind wie positive." Größere Änderungen seien hierdurch gleichwohl nicht zu erwarten, da die Geldpolitik de facto schon seit Jahren dieser Auffassung folge. Bereits 2016 habe Mario Draghi gefordert, dass das Inflationsziel symmetrisch sein müsse.

In den vergangenen Jahren sei auch über die angemessene Inflationsmessung diskutiert worden. Eine Integration von Vermögenspreisentwicklungen wäre jedoch sicher nicht adäquat gewesen und hätte vielfältige Probleme nach sich gezogen. Angesichts des aktuell sehr hohen Niveaus bei vielen Vermögenspreisen hätte sich hierdurch sogar durchaus auf mittlere Sicht ein Easing Bias ableiten können - was sicher nicht im Interesse der Kritiker gewesen wäre. Die EZB bekräftige nun wie erwartet, dass der HVPI grundsätzlich die adäquate Messgröße bleibe. Allerdings sollten perspektivisch Kosten für selbstgenutztes Wohneigentum integriert werden, was ebenfalls keine große Überraschung darstelle. Eine hawkishe Veränderung lasse sich hieraus aber sicher nicht ableiten.

Ein Herzensanliegen seit ihrer Amtsübernahme sei EZB-Präsidentin Lagarde erklärtermaßen eine stärkere Berücksichtigung von Klimaaspekten in der Geldpolitik. Dies sei wegen möglicher Zielkonflikte durchaus umstritten gewesen. Mit einem Klima-Aktionsplan sollten zukünftig unter anderem beim Sicherheitenrahmen und dem Kauf von Unternehmensanleihen "grüne" Aspekte stärker berücksichtigt werden - die Vermeidung klimaschädlicher Fehlanreize dürfte im Vordergrund stehen.

Die EZB gebe zudem in ihrer Strategie Hinweise auf eine bedingte Bereitschaft für das Tolerieren eines moderaten Überschießens der Inflation - zumindest nach längerer Zielverfehlung. Wenn die nominalen Zinssätze in der Nähe ihrer effektiven Untergrenze lägen, seien "besonders kraftvolle oder lang anhaltende geldpolitische Maßnahmen nötig, um zu verhindern, dass sich negative Abweichungen vom Inflationsziel verfestigen." Damit bleibe die EZB jedoch sehr vage, behalte einen großen diskretionären Beurteilungsspielraum und halte sich so Optionen offen. Daher sei dies auch nicht als aktive Aufholstrategie zu verstehen und unterscheide sich damit von dem "average inflation targeting" der US-Notenbank. Angesichts der unterschiedlichen Zielhierarchie seien an den Märkten im Vorfeld diesbezüglich aber auch kaum weitergehende Erwartungen formuliert worden.

Beim Instrumentarium würden die Währungshüter die herausgehobene Rolle der Leitzinsen betonen, aber auch die übrigen Instrumente würden bestätigt und könnten weiter eingesetzt werden. Rückschlüsse auf kurzfristige Veränderungen beim Instrumenteneinsatz würden sich so nicht ziehen lassen. Das kurzfristige Vorziehen der Verkündung der neuen Strategie bereits auf diesen Monat spreche dafür, dass man bewusst strategische und operative Entscheidungen auch zeitlich habe trennen wollen.

Der Berg kreißte - und gebar eine Maus, so die Analysten der Nord LB. Das große Projekt der Strategieüberprüfung sei abgeschlossen, die EZB habe eine neue Strategie formuliert. Die wesentlichen Änderungen seien das neue Inflationsziel von 2% und die stärkere Betonung der Symmetrie des Ziels. Hierbei könne auch ein Überschießen der Inflation temporär geduldet werden, eine aktive Aufholstrategie habe sich die EZB aber nicht verordnet. Die Berücksichtigung von Kosten selbstgenutzten Wohneigentums sei eine angemessene Reaktion auf Kritik an der Inflationsmessung.

Mit dem Klima-Aktionsplan wolle sich die EZB einen grünen Anstrich geben, ohne zu große Risiken in Form von Zielkonflikten einzugehen. Letztlich werde die neue Strategie - gemessen daran, wie die alte Strategie seit Jahren interpretiert und umgesetzt worden sei - keine großen Veränderungen für die konkrete geldpolitische Ausrichtung mit sich bringen. Die EZB-Geldpolitik bleibe auch auf mittlere Sicht klar expansiv ausgerichtet. Leitzinserhöhungen vor 2024 seien weiterhin unrealistisch, auch unter der neuen Strategie. (08.07.2021/alc/a/a)