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EZB und FED: Hier Oberinspektor Derrick, dort Inspektor Harry


06.05.20 09:15
La Financière de l´Echiquier

Paris (www.anleihencheck.de) - In der vergangenen Woche hielten zwei der wichtigsten Zentralbanken der Welt kurz nacheinander ihre Sitzungen ab: Zunächst die US-amerikanische FED, dann die Europäische Zentralbank (EZB), so Alexis Bienvenu, Fondsmanager von La Financière de l'Echiquier.

Aber was für ein Unterschied! Die Märkte hätten sich nicht getäuscht. Denn während die Märkte nach der Intervention der FED deutlich im Plus geschlossen hätten, hätten sie nach der Intervention der EZB stark im Minus gelegen - allen voran die europäischen Indices.

Dabei habe die US-Notenbank im Gegensatz zur EZB nichts Neues verkündet. Die FED habe bereits am 9. April wichtige Neuerungen angekündigt, insbesondere den Ankauf spekulativer Anleihen und die Vergabe größerer Kredite an verschiedene Institutionen (Unternehmen, Einheiten unterhalb der Bundesebene, Gebietskörperschaften, usw.). Der Aktienmarkt habe daraufhin einen kräftigen Anstieg verzeichnet.

Abgesehen von der tatsächlich erfolgten Zusicherung, dass sie ihr Programm ohne Beschränkung von Umfang und Dauer steigern könne, habe man von der FED nichts Neues erwartet. Ein wenig Enttäuschung sei lediglich dadurch aufgekommen, dass ihr Präsident Jerome Powell bekräftigt habe, die gewährten Kredite seien keine Subventionen und müssten zurückgezahlt werden. Das möge selbstverständlich klingen, aber zwischen den Zeilen lasse sich herauslesen, dass die FED nicht bereit sei, so genanntes "Helikoptergeld" auszugeben, d.h. zusätzliches Geld zu drucken, um es zu verteilen. Durch den unbegrenzten Ankauf der Schuldtitel des Bundes, der sich auf diese Weise nahezu zum Nulltarif verschulden könne, tue sie allerdings genau dies - wenn auch in aller Stille. Grundsätzlich müssten diese Anleihen jedoch vom amerikanischen Staat zurückgezahlt werden. Es sei denn, die Regierung würde die Tilgung der Schulden mithilfe neu begebener Schuldtitel finanzieren, welche die FED wiederum zurückkaufen könnte, usw. Letztlich würden die Schulden damit nicht zurückgezahlt.

Die EZB habe niedrigere Zinsen für Banken im Rahmen des bestehenden Langfrist-Kredit-Programms ("TLTRO") verkündet. Künftig könnten sich die Kreditinstitute in bestimmten Fällen zu einem negativen Zinssatz von bis zu minus ein Prozent verschulden. Das heiße, Banken würden bereits dann Gewinne erzielen, wenn sie Geld von der EZB entleihen würden, um es an andere Wirtschaftsakteure zu verleihen. Es seien allerdings kaum weitere starke Maßnahmen beschlossen. Insbesondere habe die EZB darauf hingewiesen, dass sie im Gegensatz zur FED nicht vorhabe, "spekulative" Anleihen aufzukaufen.

Zugegebenermaßen würden für die EZB aufgrund ihres Mandats engere Grenzen als für die FED gelten. Die Aufgabe der EZB beschränke sich darauf, die mittelfristige Inflation auf ein Niveau von knapp unter zwei Prozent zu bringen, während zu den Zielen der FED auch die Förderung der Vollbeschäftigung und die Vermeidung der Insolvenz gesunder Unternehmen mit Refinanzierungsschwierigkeiten gehören würden. Die EZB müsse ihr Handeln daher mit dem Deflationsrisiko und der Stabilität der Eurozone begründen, während die FED mehr Spielraum besitze. Letzten Endes könnten die beiden unterschiedlichen Mandate jedoch auf das Gleiche hinauslaufen, denn eine hohe Arbeitslosigkeit könne zu Deflation führen. Dies sei jedoch kein Automatismus, denn Arbeitslosigkeit könne auch mit Inflation Hand in Hand gehen, wie etwa die Ölpreiskrise in den 1970er Jahren gezeigt habe.

Zudem mache die Komplexität der Sache die Maßnahmen weniger effizient. Dies habe sich nach der Finanzkrise im Jahr 2008 beobachten lassen: Obwohl die Krise in den USA ihren Anfang genommen habe, habe Europa letztlich am stärksten unter den Folgen gelitten und das Gesamt-BIP und die Arbeitslosenquote Europas hätten erst deutlich nach den USA wieder das Niveau aus der Zeit vor 2008 erreicht. Sicherlich gehe die Erholung in den USA nicht allein auf das Konto der FED. Doch sie sei daran auch nicht ganz unbeteiligt. Der aktuelle Kleinmut der Europäer könnte dazu führen, dass sich dieses Szenario wiederhole.

Dennoch sollte man die Hoffnung nicht aufgeben. Schließlich habe die EZB ihre Reaktionsfähigkeit bereits mehrfach bewiesen. Im Juli 2012 sei durch die Intervention des damaligen EZB-Präsidenten Mario Draghi die Einheit der Eurozone bewahrt worden und die EZB habe deutlich vor der FED mit dem Ankauf von Unternehmensanleihen begonnen. Überdies liege die Größe ihrer Bilanz im Verhältnis zum BIP der Eurozone über der ihres US-amerikanischen Pendants.

Wollen wir hoffen, dass die EZB die Mittel findet, um die Eurozone richtig zu unterstützen, so die Experten von La Financière de l'Echiquier. Dafür müssten jedoch die internen Streitigkeiten beigelegt werden und es brauche mehr Geduld als bei der FED. Schade, dass sich die Klischees dieses Mal bewahrheiten würden. Hier Europa und seine Verzagtheit, dort eine entschlossene FED. Hier Oberinspektor Derrick, dort Inspektor Harry. (06.05.2020/alc/a/a)