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EZB stellt niedrige Zinsen sicher


02.07.20 10:45
Raiffeisen Bank International AG

Wien (www.anleihencheck.de) - Die Europäische Zentralbank stemmt sich gegen die Corona Krise, bzw. der damit einhergehenden schweren Rezession, mit einem umfangreichen Maßnahmenpaket, so die Analysten der Raiffeisen Bank International AG.

Neben der Negativzinspolitik würden zur Einflussnahme der Finanzmarktbedingungen die Refinanzierungsgeschäfte sowie Anleihekaufprogramme (Schuldner: öffentlicher Sektor und privater Sektor) eine bedeutende Rolle spielen. Zusätzlich werde mittels Kommunikation der Zukunftsabsichten die Erwartungshaltung von Marktakteuren gesteuert.

Erklärtes Ziel der Notenbank sei es, günstige Finanzierungsbedingungen für die Realwirtschaft zu gewährleisten. Die Maßnahmen seien erstens darauf ausgerichtet die Zinssätze für Benchmarkgrößen wie Euribor- und Swapsätze sowie Renditen für risikoarme Anleihen (wie deutsche Bundesanleihen) plus Renditen für mehr risikobehaftete Staatsanleihen (wie italienische BTPs) niedrig zu halten. So solle die Transmission der geldpolitischen Impulse im ganzen Euroraum sichergestellt werden. Die eingesetzten Instrumente würden zur Eindämmung von Risikoprämien, zur Förderung der Kreditvergabe und zur Unterstützung von Anleiheemissionen dienen.

In Summe müsse das Vorgehen der EZB als erfolgreich eingestuft werden. Anders als in vorangegangenen Krisen hätten anhaltende Verwerfungen in der Finanzwirtschaft (Kreditverknappung, Überschießen von Risikoprämien, etc.) bislang verhindert werden können. Das aktuelle Krisenmanagement werde sicher noch bis weit ins Jahr 2021 anhalten. Zuletzt habe EZB-Direktoriumsmitglied Lane betont, dass in Zukunft für einen weiteren geldpolitischen Impuls das klassische Instrument der Zinssenkung in den Vordergrund rücken könnte. Anleihekäufe seien in einem Umfeld erhöhter Unsicherheit auf den Finanzmärkten gegenüber Leitzinssenkungen zu präferieren, so Lane.

Die Analysten würden aber auf Jahressicht das Abarbeiten der beschlossenen Maßnahmen als ausreichend erachten. Sie würden mit keinen zusätzlichen maßgeblichen Lockerungsschritten rechnen. Eine Verlängerung der einen oder anderen Maßnahme sei dagegen nicht auszuschließen.

Aufgrund der hohen Überschussliquidität im EUR Finanzsystem, welche mit den großvolumigen Refinanzierungsgeschäften und Anleihekäufen einhergehe, würden für die Geldmarktkurve der Einlagesatz und Hauptrefinanzierungssatz die maßgeblichen Ankerpunkte bleiben. Die Geldmarktsätze würden somit noch für sehr lange Zeit in etwa auf dem aktuellen Niveau festgezurrt bleiben. Selbst nach Beendigung des Krisenmodus werde die Notenbank ihre Programme nur vorsichtig und über mehrere Jahre verteilt auslaufen lassen. Das wahrscheinliche Drehbuch einer Rücknahme der Lockerungsschritte (Ende PEPP, Modifikationen bei den Refinanzierungsgeschäften, Ende APP) lasse wohl erst in vielen Jahren Platz für eine erste Leitzinsanhebung.

Angesicht des Ausblicks für die Geldpolitik bleibe auch der Spielraum für Swapsätze und deutsche Anleiherenditen in den kommenden zwölf Monaten begrenzt. Für kurze Laufzeiten (zwei Jahre) würden weitgehend die gleichen Argumente wie für die Geldmarktzinsen gelten. Ein merkliches Anziehen der mittel- bis längerfristigen Zinserwartungen, welche sich in einer Versteilung der deutschen Rendite- sowie EUR Swapkurve widerspiegeln würde, sei angesichts des "easing bias" der Notenbank unwahrscheinlich. Zudem werde die Notenbank aus Sicht der Analysten ihre dämpfende Einwirkung auf die Laufzeitenprämie für viele Jahre aufrechterhalten. Allerdings könnte das Gesamtausmaß, welches die EZB aktuell für zehnjährige Laufzeiten auf rund 145 Basispunkte schätze, auf Jahressicht etwas durch den sich abzeichnenden Angebotsdruck verwässert werden.

Von den EZB-Anleihekäufen zwischen März 2020 und Juni 2021 würden unter Beachtung des Kapitalschlüssels den Analysten-Schätzungen zufolge rund 325 Mrd. auf deutsche Staatsanleihen und Agencies entfallen. Dies entspreche in etwa 9,5% des BIP. Die diskretionären fiskalischen Maßnahmen Deutschlands würden den Analysten-Berechnungen zufolge rund 12% des BIP betragen. Der Großteil davon sei wohl schuldenfinanziert. Dazu addiere sich die budgetäre Belastung aus den automatischen Stabilisatoren. In einer ersten Betrachtung dürfte also das zusätzliche Angebot nicht gänzlich durch die Netto-Nachfrage der EZB ausgeglichen werden. Zudem dürfte die Emissionstätigkeit Deutschlands über die Zeit eine Verschiebung der Laufzeitenstruktur erfahren.

In den vergangenen Wochen sei wie in vorangegangenen Krisen in der ersten Phase der allgemeinen Schuldausweitung (expansive Fiskalpolitik) eine relativ stärkere Schuldaufnahme im kurzfristigen Bereich zu beobachten (Geldmarktpapiere). Doch früher oder später sollte die Schuldenlast wie in der Vergangenheit in längere Laufzeiten gerollt werden. Zwar sei auch das PEPP der EZB sehr flexibel und könne auf eine Veränderung der Laufzeitenstruktur Deutschlands angepasst werden. Eine zukünftige Verschiebung des Laufzeitmix von unterjährige auf längere Fälligkeiten begünstige aber - wie in den Analysten-Prognosen unterstellt - eine leichte Versteilung der deutschen Renditekurve. (02.07.2020/alc/a/a)