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EZB setzt auf Erholung - Eurostärke derzeit "kein Grund für Überreaktion"


10.09.20 16:00
Nord LB

Hannover (www.anleihencheck.de) - Der Rat der Europäischen Zentralbank hat heute erwartungsgemäß keine Veränderung der geldpolitischen Ausrichtung beschlossen, so die Analysten der Nord LB.

Der Hauptrefinanzierungssatz verharre bei 0,00% und der Satz der Einlagefazilität bei -0,50%. Das Ankaufvolumen für das Pandemic Emergency Purchase Programme (PEPP) bleibe unverändert bei EUR 1.350 Mrd.

Auf der Pressekonferenz habe EZB-Präsidentin Christine Lagarde auf die sich immer deutlicher abzeichnende Erholung der europäischen Wirtschaft nach dem Absturz im ersten Halbjahr verwiesen. Die Analysten würden für das BIP der Eurozone im dritten Quartal mit dem höchsten Quartalswachstum aller Zeiten in einer Größenordnung von mehr als 7,0% zum Vorquartal rechnen. Dies sei im Wesentlichen ein Aufholeffekt nach dem Absturz, die Erholung bleibe weiterhin unvollständig und uneinheitlich. Im Gesamtjahr 2020 sei mit einem BIP-Minus von voraussichtlich rund -8% zu rechnen. Dies entspreche der leicht aufwärts revidierten EZB-Projektion für das laufende Jahr.

Mit großer Spannung sei erwartet worden, wie sich die EZB zu der jüngsten Aufwertung des Euros positioniere. Während der Euro im März im Zuge der damaligen Krisenverschärfung bis auf fast 1,06 USD abgewertet habe, habe sich der Greenback aufgrund mehrerer Faktoren im August gar bis zur Marke 1,20 USD je EUR abgeschwächt. Damit habe sich der Wechselkurs wohl der Schmerzgrenze der EZB genähert, weshalb unter anderem EZB-Chefvolkswirt Philip Lane verbal interveniert habe. EZB-Präsidentin Christine Lagarde habe sich heute hingegen betont gelassen in dieser Frage gezeigt, wenngleich die Effekte des Euro-Außenwertes eng beobachtet werden sollten. An den Devisenmärkten hätten einige wohl mit einer deutlicheren Positionierung gerechnet, zumindest habe der Euro zeitweise wieder auf über 1,19 USD angezogen.

Das Niveau des Euro-Außenwertes sei traditionell keine direkte Zielgröße der EZB, was alle bisherigen Präsidenten stets gebetsmühlenartig betont hätten. Gleichwohl besitze der Wechselkurs einen erheblichen Einfluss auf die Entwicklung der Inflationsrate und die realwirtschaftliche Erholung. Im August sei die Inflationsrate in den negativen Bereich abgerutscht und werde sich erst ab Anfang 2021 wieder deutlich aufwärts bewegen.

Nicht allzu besorgniserregend erscheine die aktuell sehr niedrige Kernrate, da diese auch durch Sondereffekte wie die temporäre Absenkung der Mehrwertsteuersätze in Deutschland gedrückt werde. Eine weitere Aufwertung des Euros dürfte dann aber sehr wohl Gegenreaktionen der EZB provozieren, von verbalen Interventionen bis hin zu zusätzlichen expansiven Maßnahmen. Hierzu habe der Rat heute zwar noch keinen Anlass gesehen. Allerdings seien frühere Stimmen aus den Reihen der EZB, wonach das PEPP eventuell nicht vollständig ausgenutzt werden müsse, merklich leiser geworden.

Mit der Einigung auf ein EU-Finanzpaket im Juli habe sich der Druck auf die EZB etwas verringert. Die Krisenbekämpfung laste nun nicht mehr nur auf den Schultern der EZB, was der Notenbank eine Geldpolitik mit ruhigerer Hand ermögliche. Die Wirkung der Fiskalmaßnahmen werde sich jedoch erst zeitverzögert einstellen, so dass für den Fall schlechterer Wirtschaftsdaten zusätzliche geldpolitische Maßnahmen noch nicht vom Tisch seien. Auch aus diesem Grund halte die EZB ihr Pulver nun zunächst trocken.

Die EZB habe auf ihrer heutigen Sitzung wie erwartet keine Veränderungen an den wichtigsten geldpolitischen Rahmenbedingungen vorgenommen. Die Leitzinsen würden demnach ebenso unverändert wie die Parameter zu den Ankaufprogrammen bleiben. Die EZB setze nach dem massiven Absturz im ersten Halbjahr auf die aktuell laufende Erholung, die im dritten Quartal zu einer Rekordwachstumsrate beim BIP von gut 7,0% Q/Q führen dürfte. Allerdings verlaufe die Erholung uneinheitlich und bleibe unvollständig. Dass man im Rat in der Eurostärke keinen Grund für eine Überreaktion sehe, habe den EUR/USD-Kurs am Nachmittag wieder über die Marke von 1,19 geschoben. Die Politik der ruhigen Hand sei aktuell angemessen, zuviel betonte Gelassenheit könnte der EZB allerdings schnell auf ihre Füße fallen. (10.09.2020/alc/a/a)