EZB öffnet Geldschleusen: Mit der Bazooka gegen die Unsicherheit


13.09.19 08:15
Nord LB

Hannover (www.anleihencheck.de) - Die Europäische Zentralbank (EZB) hat auf ihrer Sitzung am Donnerstag wie erwartet ein neues, umfangreiches Stimuluspaket beschlossen, berichten die Analysten der Nord LB.

So sei der Einlagesatz um 10 Basispunkte auf das neue Rekordtief von -0,50% gesenkt worden. Der Hauptrefinanzierungssatz und der Zins für die Spitzenrefinanzierungsfazilität seien mit 0,00% bzw. 0,25% unverändert geblieben. Zur Abmilderung der direkten negativen Effekte für Banken sei ein zweistufiges Einlagesatzsystem beschlossen worden. Demnach werde ein Teil der Überschussliquidität zukünftig von dem Strafzins freigestellt. Erwartungsgemäß sei auch die Attraktivität der TLTRO III-Geschäfte (Laufzeit, Konditionen, Kündbarkeit) erhöht worden.

Zudem habe der Rat eine Wiederaufnahme von Nettoankäufen von Vermögenswerten im Volumen von monatlich EUR 20 Mrd. ab November beschlossen. Dieses relativ moderate Ankauftempo werde allerdings dadurch relativiert, dass die Ankäufe so lang wie notwendig laufen würden und erst kurz vor der ersten Zinserhöhung eingestellt würden. Dies habe schon fast Ewigkeitscharakter und etabliere Asset-Ankäufe endgültig als Standardinstrument der europäischen Geldpolitik. Trotz der geringen anfänglichen Ankaufsumme dürfe die expansive Wirkung daher nicht unterschätzt werden.

Weitreichend seien zudem die parallel beschlossenen Änderungen der Forward Guidance zu den Leitzinsen gewesen. Zur zukünftigen Entwicklung der Leitzinsen werde nun nicht mehr explizit ein Datum als Orientierungsgröße genannt. Der EZB-Rat erwarte vielmehr, dass die Leitzinsen auf dem gegenwärtigen oder einem niedrigeren Niveau verharren würden, bis sich der Inflationsausblick nachhaltig in Richtung des EZB-Zielwertes von unter aber nahe 2% verbessere. Die Forward Guidance sei somit eine wichtige Ergänzung der Beschlüsse zu Leitzinsen und APP.

Im Vorfeld hätten sich mehrere Ratsmitglieder gegen eine Neuauflage des QE-Programms ausgesprochen. Dennoch spiegele laut Draghi der APP-Beschluss einen "breiten Konsens" im Rat, was angesichts der strukturellen Mehrheit der geldpolitischen Tauben im Rat wenig überrasche. Die Projektionen für Wachstum und Inflation der Eurozone seien teils deutlich für die nächsten Jahre gesenkt worden. Draghi sehe noch keine Rezession, die Gefahr habe zuletzt aber zugenommen.

Mit den jüngsten Beschlüssen habe sich die Fraktion der Tauben auf ganzer Linie durchgesetzt. Mit der deutlich expansiveren Ausrichtung der EZB-Geldpolitik steige aber auch die Gefahr, dass die Eurozone ins Visier von US-Präsident Donald Trump gerate. So habe dieser kurz nach den Beschlüssen via Twitter kritisiert, die EZB schwäche bewusst den Euro zum US-Dollar - übrigens der gleiche Präsident, der zuvor von der FED eine Zinssenkung auf 0,00% gefordert habe.

Die am Donnerstag beschlossenen Maßnahmen seien nicht unbedingt der letzte Schuss der EZB - die Analysten würden mindestens eine weitere Senkung des Einlagesatzes auf -0,60% erwarten. Allerdings habe Draghi deutlich gemacht, dass nun endgültig der Ball im Feld der Fiskalpolitik liege. Ohne eine entsprechende Kehrtwende der Fiskalpolitik werde der realwirtschaftliche Effekt begrenzt bleiben und das extreme Niedrigzinsniveau auf Jahre zementiert werden. Die negativen Nebeneffekte der Negativzinsen würden sich weiter verstärken und früher oder später wirtschaftspolitische Reaktionen provozieren.

Die EZB habe auf ihrer Ratssitzung ein umfangreiches Stimuluspaket aus Einlagezinssenkung, TLTRO III, Forward Guidance und Ankaufprogramm beschlossen. Die Währungshüter würden sich mit der Bazooka gegen die anhaltenden politischen und wirtschaftlichen Unsicherheiten stemmen, was auch in den nochmal gesenkten Projektionen zum Ausdruck komme. Aus ökonomischer Sicht würden die Einzelinstrumente vor allem in Kombination mit der Stärkung der Forward Guidance mehr Gewicht bekommen. Dennoch stoße die Geldpolitik an ihre Grenzen und spiele daher zurecht den Ball ins Feld der Fiskalpolitik. Ohne ein Wachstumsprogramm bleibe jede Kritik aus der Politik an der EZB wohlfeil. (Ausgabe vom 12.09.2019) (13.09.2019/alc/a/a)