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EZB legt im Kampf gegen Rezession nach - aber es braucht mehr PEPP


04.05.20 09:00
Nord LB

Hannover (www.anleihencheck.de) - Der Rat der Europäischen Zentralbank hat am 30. April 2020 einige neue Beschlüsse gefasst, die im Kampf gegen die schwerste Wirtschaftskrise in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg helfen sollen, so die Analysten der Nord LB.

Dies würden wahrscheinlich aber nicht ausreichen, sodass die EZB aus Sicht der Analysten in Kürze noch einmal werde nachlegen müssen. Bei den meisten Instrumenten seien am 30. April 2020 keine Änderungen vorgenommen worden. So seien die Leitzinsen unverändert geblieben, der Hauptrefinanzierungssatz bei 0,00% und der Satz der Einlagefazilität bei -0,50%. Auch die Rahmendaten für die Anleiheankäufe seien zumindest auf der regulären Aprilsitzung noch nicht angepasst worden. Das Ankaufvolumen für das Pandemic Emergency Purchase Programme (PEPP) bleibe zunächst bei EUR 750 Mrd. und auch die bisherige Ankaufgeschwindigkeit des EAPP sei beibehalten worden.

Unterstützung für den Bankensektor solle die erneute Verbesserung der TLTRO III-Konditionen liefern. So werde dieser Zins nun mindestens 50 Basispunkte unter dem über die Laufzeit durchschnittlichen Hauptrefinanzierungssatz liegen. Bei vollständigem Erfüllen der Zielwerte für die Kreditentwicklung könnten Kreditinstitute die Konditionen gar auf 50 Basispunkte unterhalb des mittleren Einlagesatzes drücken.

Die zweite wesentliche Neuerung durch die Beschlüsse der EZB am 30. April 2020 sei die Auflage neuer nicht-zielgerichteter längerfristiger Refinanzierungsoperationen (pandemic emergency longer-term refinancing operations, PELTROs). Von den PELTROs seien sieben Geschäfte ab Mai geplant, die zwischen Juli und September 2021 fällig würden. Sie würden zum Festzins mit Vollzuteilung durchgeführt, wobei der Zinssatz 25 Basispunkte unter dem durchschnittlichen Hauptrefinanzierungssatz während der jeweiligen Laufzeit des PELTROs lägen. Die PELTROs seien eher als Backstop gedacht, würden sie doch bei den Konditionen hinter die der TLTRO III-Geschäfte zurückfallen. Zur zusätzlichen Stabilisierung der Geldmärkte, wo sich in den vergangenen Wochen Zeichen einer Entankerung vom Einlagesatz gemehrt hätten, könnten sie als ein weiteres Instrument aber durchaus einen Zusatzeffekt haben.

Die Entscheidungen des EZB-Rates am 30. April 2020 seien vor dem Hintergrund einer massiven Verschlechterung des gesamtwirtschaftlichen Umfelds getroffen worden. Das BIP der Eurozone sei bereits im ersten Quartal um -3,8% Q/Q eingebrochen. Besonders stark hätten Italien, Spanien und Frankreich gelitten, da hier auch die rigidesten Eindämmungsmaßnahmen im Kampf gegen die Pandemie gegolten hätten und die wirtschaftliche Aktivität in der Folge besonders stark abgewürgt worden sei. Leider werde im laufenden Frühjahrsquartal der BIP-Rückgang noch deutlich höher ausfallen, hier sei eine zweistellige Schrumpfungsrate zu erwarten.

PELTROs und bessere TLTRO III-Konditionen würden aus Sicht der Analysten jedoch noch nicht ausreichen, der dramatischen Verschärfung der globalen Wirtschaftskrise ausreichend Rechnung zu tragen. Für ein echtes "whatever it takes" sei die Sitzung am 30. April 2020 aber vielleicht auch noch nicht der richtige Zeitpunkt gewesen, vor allem aus zwei Gründen. So dürfte der Rat noch das Urteil des deutschen Bundesverfassungsgerichts nächste Woche zu den Anleihekäufen des Eurosystems abwarten wollen.

Zudem könnte ein zu frühes "all in" der EZB den Druck auf die europäische Wirtschafts- und Finanzpolitik unangemessen reduzieren. Zwar sei von der europäischen Politik bislang ein Paket von gut EUR 500 Mrd. auf EU-Ebene beschlossen worden. Es brauche jedoch zügig eine wirklich überzeugende europäische Antwort auf die enormen Pandemielasten, die von einigen Mitgliedsstaaten allein kaum zu stemmen sein dürften.

Die wichtigste Botschaft der EZB im Rahmen der Beschlüsse am 30. April 2020 sei, dass sowohl Dauer als auch Umfang des PEPP bei Bedarf ausgeweitet werden könnten. Dies sei sicher nicht nur ein "Easing Bias", sondern dürfte bereits bei der nächsten Sitzung entsprechende Beschlüsse nach sich ziehen. Die Analysten würden erwarten, dass das PEPP um mindestens weitere EUR 500 Mrd. und auch zeitlich über den Jahreswechsel 2020/21 hinaus ausgedehnt werde. Auch auf der Zinsseite sei das letzte Wort noch nicht gesprochen, allerdings sei der Nutzen weiterer Zinssenkungen weitaus geringer als ein wirklich überzeugendes PEPP.

Die EZB habe angesichts eines bereits im ersten Quartal erheblichen Wirtschaftseinbruchs in der Eurozone auf ihrer regulären Sitzung einige neue Beschlüsse gefasst. Zwar seien Leitzinsen und Ankaufprogramme unverändert geblieben, dafür seien die TLTRO III-Konditionen für Banken noch einmal attraktiver gestaltet worden. Auch eine neue Serie von Liquiditätsgeschäften (PELTROs) solle helfen, Verspannungen am Geldmarkt abzumildern. Dennoch erscheinen die Beschlüsse am 30. April 2020 nicht dem Ausmaß des ökonomischen Kollapses durch die Pandemie angemessen, so die Analysten der Nord LB. Die Analysten würden damit rechnen, dass die EZB ihr PEPP sowohl zeitlich als auch volumenmäßig werde ausweiten müssen. Zumindest habe sich die EZB mit den Beschlüssen am 30. April 2020 schon einmal ausdrücklich diese Möglichkeit vorbehalten. (Ausgabe vom 30.04.2020) (04.05.2020/alc/a/a)