EZB lässt "Easing Bias" zu den Leitzinsen fallen


08.06.17 16:36
Nord LB

Hannover (www.anleihencheck.de) - Wie erwartet hat die Europäische Zentralbank (EZB) auf ihrer heutigen Ratssitzung in Tallinn keine Änderungen an ihrer Geldpolitik beschlossen, so die Analysten der Nord LB.

Die Leitzinsen würden auf ihren historischen Tiefstwerten bleiben und auch das Anleiheankaufprogramm (EAPP) werde im bestehenden Umfang von monatlich EUR 60 Mrd. mindestens bis Ende 2017 fortgesetzt. Allerdings habe die Notenbank zugleich Änderungen an ihrer Forward Guidance vorgenommen und habe dabei den "Easing Bias" zu den Leitzinsen fallen lassen. Mit dieser rhetorischen Anpassung in Richtung einer Abwendung von weiteren Zinssenkungen sei von den meisten Marktteilnehmern zumindest für die heutige Sitzung nicht gerechnet worden.

Auf der sich an die Sitzung anschließenden Pressekonferenz habe der Ratsvorsitzende Mario Draghi die aktualisierten Projektionen zur Preis- und Konjunkturentwicklung präsentierte. Die Wachstumsdynamik in der Eurozone werde nun stärker eingeschätzt und die Risiken für die wirtschaftlichen Perspektiven seien erstmals wieder als weitgehend ausgeglichen bezeichnet worden. Anders als noch im März würden die Volkswirte der EZB jetzt von einem jährlichen Anstieg der Lebenshaltungskosten um 1,5% in diesem Jahr und von nur noch 1,3% bzw. 1,6% in den Jahren 2018 und 2019 ausgehen. Die Inflationsprognose sei damit nach unten revidiert und der zugrunde liegende Preisdruck zugleich als weiterhin gedämpft bezeichnet worden. Der Preisanstieg bleibe also in dieser Projektion bis auf weiteres unterhalb der Zielmarke von nahe 2%, Deflationsrisiken hätten sich nach Ansicht der EZB aber verflüchtigt. An der Legitimation einer akkommodierenden Geldpolitik habe sich aus diesem Blickwinkel wenig geändert.

Auf dieser Grundlage habe die Notenbank die Forward Guidance zur zukünftigen Leitzinspolitik verändert. Demnach erwarte der Rat für einen ausgedehnten Zeitraum ein Verharren der Leitzinsen auf dem aktuellen, aber eben nicht mehr auf einem noch niedrigeren Niveau. Allerdings behalte sich die EZB vor, das Anleiheankaufprogramm im Bedarfsfall hinsichtlich seiner Dauer und/oder seines Umfangs auszuweiten. Hier bleibe der "Easing Bias" also vorerst bestehen. Dieser Kompromiss unterstreiche die sehr vorsichtige Gangart bei der früher oder später notwendigen Hinwendung zu einer perspektivisch wieder neutraleren Geldpolitik.

Draghi habe auf Nachfrage erklärt, die Anpassung der Forward Guidance sei von allen Ratsmitgliedern unterstützt worden, er habe jedenfalls keinen Dissens gehört. Die nun nicht mehr lange hinauszuzögernden Überlegungen zu einem Tapering des Ankaufprogramms seien nach Draghis Erläuterungen allerdings heute gar nicht diskutiert worden. Das werde sich in den nächsten Sitzungen ändern müssen.

Der vielleicht ein ganz klein wenig forschere, aber weiter betont graduelle Anpassungspfad bestätige die Analystenprognose, wonach die EZB bis in das Jahr 2019 hinein an ihrer Niedrigzinspolitik festhalten werde. Sofern keine unvorhersehbaren Friktionen auftreten würden, werde die Notenbank allerdings zum Jahresbeginn 2018 mit dem schrittweisen Herunterfahren ihres Ankaufprogramms beginnen müssen. Informationen zu der operativen Umsetzung könnten schon auf einer der nächsten Ratssitzungen auf dem Programm stehen.

Wie erwartet habe die EZB auf ihrer heutigen Ratssitzung in Tallinn keine Änderungen an ihrer Geldpolitik beschlossen. Allerdings habe die Notenbank die Forward Guidance zur zukünftigen Leitzinspolitik angepasst. Demnach erwarte der Rat für einen ausgedehnten Zeitraum ein Verharren der Leitzinsen auf dem aktuellen, aber eben nicht mehr auf einem noch niedrigeren Niveau. Der "Easing Bias" mit Blick auf das Ankaufprogramm bleibe aber vorerst bestehen. Der vielleicht ein ganz klein wenig forschere, aber weiter betont graduelle Anpassungspfad bestätigt unsere Prognose, wonach die EZB bis in das Jahr 2019 hinein an ihrer Niedrigzinspolitik festhalten, zum Jahresbeginn 2018 aber schon ein Tapering beim EAPP einleiten wird, so die Analysten der Nord LB. (08.06.2017/alc/a/a)