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EZB mit klarem Inflationsziel, FED Protokoll bestätigt Ausrichtung


12.07.21 10:30
Union Investment

Frankfurt (www.anleihencheck.de) - Die Aktienmärkte lagen nach der deutlichen Korrektur am Donnerstag auf Wochensicht im Minus, so die Experten von Union Investment.

US-Indices wie der S&P 500- und der NASDAQ-Index hätten zuvor noch Rekordstände erreichen können. Die Ausbreitung der Corona-Delta-Variante verunsichere die Anleger. Staatsanleihen aus den USA und Deutschland hätten hingegen weitere Zugewinne verbucht, deren Renditen seien im Wochenverlauf entsprechend gefallen. Aus dem Sitzungsprotokoll der US-Notenbank FED habe es keine neuen Erkenntnisse gegeben. Die Europäische Zentralbank habe hingegen am Donnerstag ihre neue Strategie bekannt gegeben.

Erstmals seit 18 Jahren habe die Europäische Zentralbank (EZB) ihre Strategie überarbeitet. Am Donnerstag sei deren Präsentation erfolgt: Die EZB habe mit der neuen Strategie die Realität anerkannt und sich so viel Flexibilität wie möglich erarbeitet. Mit der Einigung auf ein symmetrisches Inflationsziel von zwei Prozent könne die EZB ihr Ziel einfacher kommunizieren. Gleichzeitig behalte sie die Option, ruhig zu bleiben, wenn die Teuerungsrate mal über dem Ziel von zwei Prozent liegen sollte - oder eben auch darunter. Erwünscht sei beides nicht. Zudem werden uns die bisher als unkonventionell bezeichneten Maßnahmen wie QE (Anleiheankäufe) und TLTRO (langfristige Tendergeschäfte) wohl auch in Zukunft begleiten, denn die EZB hat diese nun offiziell ihrem Instrumentenkasten hinzugefügt, so die Experten von Union Investment.

Maßgeblich für den Umgang mit der Inflation sei ein kleiner Zusatz: Wenn die Leitzinsen sehr niedrig seien, wolle man eine zu hohe Teuerungsrate eher tolerieren, als zu schnell zu handeln. Nichts anderes würden die Experten derzeit sehen: Die Zinsen seien niedrig, die Inflationsrate über zwei Prozent, die EZB verhalte sich ruhig. Entsprechend hätten auch die Kapitalmärkte zunächst auf die neue, alte Strategie gehandelt, denn sie hätten kaum reagiert.

Das FED-Protokoll der Juni-Sitzung habe den Marktteilnehmern keine über dem aktuellen Kenntnisstand hinausgehenden Aufschlüsse gebracht. Vielmehr sei noch einmal bestätigt worden, dass mehrere Mitglieder des Offenmarktausschusses (FOMC) eine schnellere Reduzierung der Anleiheankäufe durch die Zentralbank anstreben würden. Keine gravierenden Neuigkeiten, damit sei letztlich die jüngst zu beobachtende Vielstimmigkeit innerhalb des FOMC-Gremiums bestätigt worden.

Die aktuell erhöhte Inflation werde als vorübergehend angesehen, die Inflationserwartungen könnten allerdings durchaus noch zunehmen. Am Arbeitsmarkt, auf den die FED besonders achte, würden Fortschritte gesehen. Diese seien derzeit jedoch nicht so substanziell, als dass diese eine Änderung der Geldpolitik rechtfertigen würde. Das Thema Tapering, also die Rückführung der Anleiheankäufe, stehe im Blickpunkt. Unklar sei, in welchem Assetbereich eine erste Drosselung erfolgen könnte. Hypothekenanleihen, Staatspapiere und auch Unternehmensanleihen stünden dabei zur Debatte.

Die deutsche Industrieproduktion sei im Mai in erster Linie wegen einer schwachen Auslandsnachfrage deutlich gesunken. Mit minus 0,3 Prozent gegenüber dem April habe sich der Konjunkturindikator konträr zu den Erwartungen der Analysten entwickelt, die mit plus 0,5 Prozent eine positive Einschätzung vertreten hätten. Negativ hätten sich hierbei auch die zumeist anhaltenden Lieferengpässe bemerkbar gemacht. Aber es gelte weiterhin eher zuversichtlich zu bleiben, denn der ZEW-Index relativiere ein wenig. Zwar sei dort die Erwartungskomponente deutlich um 16,5 auf 63,3 Punkte zurückgegangen, aber auf hohem Niveau geblieben.

Zudem habe sich die aktuelle Lagebeurteilung mit 21,9 (plus 31) Zählern erstmals seit 2019 wieder über der Nulllinie bewegt. Als Resümee könne laut ZEW-Präsident Wambach gefolgert werden, dass sich die Normalisierung der Wirtschaftsentwicklung fortsetze.

In den USA sei der ISM-Index für die Dienstleistungen veröffentlicht worden. Wie schon im Verarbeitenden Gewerbe sei auch hier im Juni ein Rückgang (64 auf 60,1 Punkte) zu beobachten gewesen. Die Dynamik der US-Konjunkturerholung scheine damit weiter rückläufig. Die Zahl der Erstanträge auf Arbeitslosenhilfe habe zuletzt mit 373.000 sowohl über der Vorwoche als auch den Erwartungen (364.000/350.000 lt. Bloomberg) gelegen.

Der Ölpreis habe aufgrund von Querelen innerhalb der OPEC jüngst unter Druck gestanden. Beim Treffen Anfang Juli hätten sich die Mitglieder nicht auf eine Produktionserhöhung einigen können. Damit bleibe es de facto bei dem vorherigen Beschluss, die Fördermengen konstant zu halten, was die Knappheit am Markt verschärfen dürfte. Entscheidend sei dabei die Position der Vereinigten Arabischen Emirate. Das Land habe viel in den Ausbau der Förderkapazitäten investiert. Schätzungsweise lägen aktuell 30 Prozent davon brach. Dementsprechend würden die Emirate höhere Förderquoten fordern und hätten eine Festschreibung der aktuellen Quoten bis Ende 2022 abgelehnt - und sich auf diese Weise mit Saudi-Arabien angelegt. Hinzu würden politische Spannungen zwischen den beiden Ländern kommen. Deshalb sei jüngst keine Einigung zustande gekommen.

Trotz der physischen Knappheit des Marktes habe der Ölpreis in der Folge nachgegeben - bedingt durch Unsicherheit über die künftige Handlungsfähigkeit der OPEC. Viele Finanzinvestoren hätten Gewinne auf ihre Positionen mitgenommen. Die Sorte Brent sei von in der Spitze etwas mehr als 77 US-Dollar auf zunächst 73,5 US-Dollar zurückgefallen. Am Freitagmittag sei es aber schon wieder in Richtung 75 US-Dollar gegangen. Auch beim US-WTI sei es parallel zu einer entsprechenden Reaktion gekommen. (Ausgabe vom 09.07.2021) (12.07.2021/alc/a/a)