EZB führt uns immer tiefer in die finstere Minuszinswelt


13.09.19 08:00
Degussa Goldhandel

München (www.anleihencheck.de) - Auf der Sitzung am Donnerstag hat der Rat der Europäischen Zentralbank (EZB) den Einlagenzins um 0,1 Prozentpunkte auf minus 0,50 Prozentpunkte gesenkt, so Thorsten Polleit, Chefvolkswirt Degussa Goldhandel.

Der EZB-Hauptrefinanzierungszins, der seit März 2016 null Prozent betragen habe, sei unverändert geblieben.

Zudem werde die EZB ab dem 1. November 2019 Anleihen in Höhe von monatlich 20 Mrd. Euro kaufen - und diese mit neuen, "aus dem Nichts" geschaffenen Euros bezahlen.

Weiterhin würden die Konditionen der langfristigen Kreditangebote, die die EZB den Euro-Banken mache ("TLTRO III"), angepasst; insbesondere würden die Laufzeiten von zwei auf drei Jahren ausgeweitet.

Last but not least: Die Überschussguthaben, die die Banken bei der EZB halten würden, und die den Banken Kosten verursachen würden, würden künftig teilweise kompensiert.

Der EZB-Rat rechtfertige sein Maßnahmenbündel mit dem Verweis, es würde die "zu niedrige" Inflation im Euroraum erhöhen und die Euro-Volkswirtschaften beleben. Doch gerade angesichts der vielen nicht genannten Folgewirkungen dieser Politik könne das nicht überzeugen.

Und das sei besonders beunruhigend, weil die EZB vermutlich vorhabe, die Zinsen in den kommenden Monaten noch weiter in den Negativbereich abzusenken.

Folgewirkungen

Die EZB-Zinssenkung ziehe die Marktzinsen in die Tiefe. Die Gewinnlage der Euro-Banken verschlechtere sich dadurch. Leidtragende seien vor allem die Bankkunden: Sie würden höhere Gebühren zu bezahlen haben, und vor allem werde man ihnen auch früher oder später einen Negativzins auf ihre Guthaben in Rechnung stellen. Das Geldvermögen werde entwertet.

Die Staaten würden auf Kosten der Bürger bereichert: Die Zinserträge der Privaten würden schwinden, die Kreditkosten der Staaten würden abnehmen und - bei unveränderten Steuereinnahmen - deren Ausgabenspielräume erhöhen.

Die verzerrten Marktzinsen würden mehr denn je zum Wirtschaften auf Pump verleiten und Fehlinvestitionen verursachen. Der künstlich herabgesetzte Marktzins verringere auch die Kapitalkosten der Unternehmen, schwäche den Marktausleseprozess und lähme damit die gesamte Wirtschaft.

Gerade weil die Negativzinspolitik auf einer Theorie aufbaue, die nicht überzeugen, die sogar als sinnwidrig zurückgewiesen werden könne, dränge sich der Eindruck auf, dass die Negativzinspolitik ein besonders aggressiver Versuch der EZB sei, das Euro-Projekt mit allen Mitteln zu retten.

Wie die Geldhalter reagieren würden, wenn ihre Konten mit Negativzinsen belegt würden, sei nicht absehbar. Solange keine "Flucht aus dem Euro" einsetze, werde die EZB vermutlich weitere kleine Zinssenkungsschritte vollziehen. Wo die "Schmerzgrenze" für die Geldhalter liege, lasse sich nicht verlässlich einschätzen. Dass aber die EZB die Zinsen in den kommenden Monaten noch weiter absenke, würden die Experten für sehr wahrscheinlich halten.

Das sei keine gute Nachricht: Denn konsequent zu Ende gedacht, zeige sich, dass die Minuszinswelt eine finstere Welt sei: Ohne positive Zinsen sei das heutige arbeitsteilige Wirtschaftssystem nicht durchführbar, sei der Wohlstand in akuter Gefahr.

Unstrittig sei, dass eine zu aggressive Negativzinspolitik nicht dauerhaft durchgeführt werden könne, ohne dass das Wirtschaftssystem im Euroraum vollends in die Knie gehe; bis sich öffentlicher Widerstand formiere. Wie ein Ausstieg aus der Negativzinspolitik überhaupt aussehen könne, nachdem sie lange angedauert habe und sich die Preise und das Verhalten von Konsumenten und Unternehmen an die Negativzinsumfeld gewöhnt hätten, möge man sich gar nicht ausdenken!

Die EZB sei auf eine Euro-Entwertungspolitik eingeschwenkt, die zusehends die innere und äußere Kaufkraft des Euro herabsetzen werde. Unter der Nachfolge von Christine Largarde sei eine Abkehr von dieser Politik unwahrscheinlich.

Handlungsbedarf

Die EZB habe mit ihrer Entscheidung deutlich gemacht: Euro-Bankguthaben, aber auch in Euro denominierte Schuldpapiere seien ein Verlustgeschäft. Wenn noch nicht geschehen, sollten Anleger ihre Euro-Guthabenbestände minimieren: Also nur noch so viel Euro vorhalten, wie es zur Abwicklung der laufenden Zahlungen plus einer "Vorsichtskasse" erforderlich sei.

Für langfristorientierte Anleger seien Gold und Silber ein geeigneter Ersatz für verlustträchtige Euro-Termin- und -Spareinlagen. Zu aktuellen Preisen sei es aus Sicht der Experten immer noch attraktiv, Bankguthaben in Gold- und Silberpositionen umzuschichten.

Die Edelmetalle würden dem Halter nicht zuletzt einen Versicherungsschutz gewähren: Anders als bei Bankguthaben könne die Kaufkraft des Goldes durch Zentralbankpolitiken nicht herabgesetzt werden. (Ausgabe vom 12.09.2019) (13.09.2019/alc/a/a)