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EZB bleibt auf Kurs - Politische Unsicherheit hilft Bunds


19.06.17 12:45
HSH Nordbank AG

Hamburg (www.anleihencheck.de) - In der Eurozone hat der politische Wind gedreht, so die Analysten der HSH Nordbank AG.

Sei noch zu Jahresbeginn zu befürchten gewesen, dass im Fahrwasser der Brexit-Entscheidung verstärkt Populisten in den Euroländern an die Macht kommen könnten, habe zuletzt der Urnengang in Frankreich gezeigt, dass man mit Europa-freundlichen Positionen wieder Wahlen gewinnen könne.

Gleichzeitig gehe es konjunkturell weiter aufwärts. In den vier großen Euro-Ländern gewinne der Aufschwung an Breite. Das Deflationsrisiko sei - so die Worte der Europäischen Zentralbank (EZB) - verschwunden. Positiv sei schließlich zu vermerken, dass in Spanien die Banco Popular ohne größere Nebenwirkungen in Bezug auf den Bankensektor in der Eurozone gemäß den Regeln der Europäischen Bankenabwicklung an die Großbank Santander verkauft worden sei. In diesem Umfeld habe die EZB Anfang Juni Kurs gehalten und lediglich verbal einige Nuancen in ihrer geldpolitischen Stellungnahme geändert. Damit fühlen sich die Analysten der HSH Nordbank AG in ihrer Erwartung bestätigt, dass die Notenbank zu Beginn des kommenden Jahres mit dem so genannten Tapering beginnen dürfte.

Die langfristigen Renditen der Bundesanleihen würden vor dem Hintergrund der bis zum Ende des Jahres anhaltenden Anleiheankäufe noch relativ niedrig bleiben. Zuletzt seien die langfristigen Renditen gesunken, was wahrscheinlich mit der von den USA ausgehenden politischen Unsicherheit zusammenhänge. Per Jahresende dürften die zehnjährigen Bunds allerdings höher rentieren (unveränderte Prognose von 60 Basispunkten), zumal die EZB vermutlich im September ihre Tapering-Strategie ankündigen werde. Bei den US-T-Notes sollte der Renditeanstieg noch gedämpfter ausfallen (Zehnjährige per Jahresende: 2,40% versus aktuell: 2,17%).

Im ersten Quartal 2017 habe das BIP in der Eurozone um 0,6% zugelegt, eine Hochrevision gegenüber der ersten Schätzung. Frankreich und Italien hätten dabei mit jeweils 0,4% (QoQ) eine recht ordentliche Dynamik gezeigt, wenngleich sie nicht an die hohen Werte in Deutschland (+0,6%) und Spanien (+0,8%) herangereicht hätten. Bei den PMI-Einkaufsmanagerindices für Mai zeige sich, dass auch im laufenden Quartal das BIP der Eurozone mit einer robusten Rate zulegen dürfte. Die PMI-Indices würden dabei für Spanien, Italien und Frankreich eine etwas größere Homogenität weisen (Werte lägen zwischen 53,8 und 55,4 Punkten).

An der Inflationsfront spiegele sich die gute Wachstumsdynamik nicht wider. So sei die Inflation im Mai auf 1,4% gefallen (Vormonat: 1,9%). Während dies auf den nachlassenden ölpreisbedingten Basiseffekt zurückzuführen sei, habe sich auch die Kernrate der Inflation abgeschwächt. Sie liege jetzt bei 0,9%, deutlich niedriger als die 1,2% vom April. Vor dem Hintergrund dieser Zahlen habe die EZB bei ihrem geldpolitischen Treffen im Juni keinen Anlass gesehen, an der Ausrichtung ihrer Politik grundsätzlich etwas zu ändern.

Die Präsidentschaftswahlen in Frankreich und die sich anschließenden Parlamentswahlen hätten den linksliberalen und Europa-freundlichen Kandidaten Emmanuel Macron zum starken Mann Frankreichs gemacht. Das könnte sich als gut für Frankreichs Wachstumspotenzial und für die Stabilität der Eurozone erweisen.

Macron habe in seinem Wahlprogramm eine Reform des Arbeitsmarktes angekündigt, die unter anderem eine Lockerung des Kündigungsschutzes vorsehe und die Lohnverhandlungen stärker auf die Betriebsebene bringen solle. Die 35-Stunden-Woche bleibe grundsätzlich bestehen, solle aber mit mehr Flexibilität gehandhabt werden können. Da diese Reform per Verordnung ("Ordenance", das Parlament könne die Gültigkeit der Verordnung nach einer gewissen Zeit widerrufen) eingeführt werden solle, sei schon bald mit einer Umsetzung zu rechnen. Dennoch sei genau zu beobachten, wie die traditionell mächtigen Gewerkschaften auf diese Pläne reagieren würden. Weiter habe Macron angekündigt, das Haushaltsdefizit (endlich) unter 3% des BIP zu senken. Dies sei auch als Zugeständnis an Deutschland zu verstehen, mit dem Macron Reformen für Europa durchsetzen möchte.

In Bezug auf die Eurozone propagiere der neue französische Präsident einen eigenen Haushalt für die Eurozone, einen gemeinsamen Finanzminister sowie die parlamentarische Kontrolle dieser neuen Institutionen. Auch wenn dies bei der Bundesregierung keine Begeisterungsstürme auslöst, scheinen diese Pläne nicht vollkommen unrealistisch zu sein, so die Analysten der HSH Nordbank AG. Allerdings stelle sich die Bundesregierung unter einem gemeinsamen Finanzminister wohl eher einen Posten vor, der Kontrolle über die anderen Finanzminister ausübe, während in der Version von Macron es vermutlich um die Verantwortung für den gemeinsamen Haushalt gehe.

Die Idee eines gemeinsamen Finanzministers sei auch Bestandteil des so genannten Reflexionspapiers, das die EU-Kommission Anfang Juni publiziert habe und das Vorschläge zur Weiterentwicklung der Eurozone präsentiere. Hier werde unter anderem der Wunsch geäußert, die Bankenunion weiter zu entwickeln, in dem eine gemeinsame Einlagensicherung sowie eine fiskalische Letztversicherung aufgebaut werde, die auch bei der Abwicklung von Kreditinstituten greifen solle. Weiter werde eine gemeinsame Arbeitslosenversicherung vorgeschlagen, die die Funktion eines Konjunkturstabilisators in der Eurozone erfüllen solle. Diskutiert werde außerdem, Reformen an die Auszahlung von Strukturfondsmitteln zu binden. Da die Eurokrise gezeigt hat, dass die Union noch weit von einer nachhaltigen Stabilität entfernt ist, ist es nach Erachten der Analysten der HSH Nordbank AG notwendig, weitere Reformen einzuleiten. Mit einem Präsidenten Macron ergebe sich möglicherweise eine realistische Chance, das umzusetzen.

Die Befürchtung, aus Italien könnte demnächst politisches Störfeuer kommen, sei nach den Kommunalwahlen in Italien nicht mehr ganz so groß. Denn bei diesen Wahlen habe die Fünf-Sterne-Bewegung, die sich unter anderem ein Referendum gegen den Euro auf die Fahnen geschrieben habe, kräftig an Stimmen eingebüßt. Parlamentswahlen fänden eventuell noch in diesem Jahr statt, spätestens im Frühjahr 2018. Der ehemalige Ministerpräsident Matteo Renzi, der grundsätzlich auch als Europa-freundlich angesehen werden könne, könnte erneut kandidieren. Dennoch: Berlin dürfte sich bewusst sein, dass es nunmehr die Chance gebe, die Achse Berlin-Paris zu stärken und das Integrationsprojekt Europa wieder voranzubringen.

In Italien stehe die Rettung der Bank Monte dei Paschi durch den Staat kurz vor dem Abschluss. Auf dem Papier würden die Inhaber von Junior-Anleihen (die nachrangig bedient würden) Verluste hinnehmen müssen, die Gläubiger (zu denen viele private Haushalte zählen würden) bekämen jedoch stattdessen neue Anleihen ins Depot gebucht, sodass kein Verlust auftrete. Die Europäische Abwicklungsbehörde habe dieses Vorgehen abgesegnet, auch wenn dies sicherlich nicht dem Geist des Abwicklungsgesetzes entspreche, wo eine Verlustbeteiligung von Nachranggläubigern gefordert sei.

In Spanien seien hingegen bei der Übernahme der insolventen Banco Popular durch die spanische Großbank Santander die Regeln des Europäischen Abwicklungsmechanismus befolgt worden und die Inhaber der Nachranganleihen seien leer ausgegangen. Steuermittel seien nicht in Anspruch genommen worden.

In den vergangenen Wochen seien die langfristigen Bund-Renditen nicht mehr so recht vom Fleck gekommen. Mit derzeit 29 Basispunkten (zehn Jahre Laufzeit) befinde man sich eigentlich weiterhin auf Rezessionsniveau. Die gute Konjunktur und auch das Preisumfeld würden sich nicht widerspiegeln. Offensichtlich sei es vor allem die von den USA ausgehende politische Verunsicherung und Orientierungslosigkeit, die Investoren dazu veranlasse, Staatsanleihen in ihren Portfolios ein hohes Gewicht zu geben. Dazu komme noch der Einfluss der EZB, die monatlich weiterhin 60 Mrd. Euro an Wertpapieren kaufe und das mindestens bis zum Ende des Jahres zu tun beabsichtige. (19.06.2017/alc/a/a)