Erweiterte Funktionen

EZB: Die Zinswende wird weiter auf sicher warten lassen


08.06.17 11:15
Legal & General IM

London (www.anleihencheck.de) - Hetal Mehta, Senior European Economist von von Legal & General Investment Management, zur anstehenden EZB-Sitzung: Nun, da die Präsidentschaftswahlen in Frankreich aus dem Weg und Investoren gelassener sind, was die politischen Risiken in der Eurozone angeht, liegt der Fokus auf dem nächsten großen Event: Wie wird sich die Europäische Zentralbank (EZB) bei ihrer morgigen Sitzung entscheiden?

Mit einer Inflation im Euro-Raum, die wiederholt um die 2-Prozent-Marke gelegen habe (1,9 Prozent im April und 2,0 Prozent im Februar), könnte die EZB nun vorbringen, dass sie ihr Ziel von "knapp unter" 2 Prozent erreicht habe. Stehe damit die Normalisierung des Zinsniveaus bevor? Die Experten von Legal & General Investment Management glauben nicht.

Die Experten würden erwarten, dass die EZB erst im späteren Verlauf dieses Jahres bekannt geben werde, ihre Asset-Käufe in 2018 schrittweise reduzieren zu wollen. Diese Drosselung bedeute nicht nur das Ende des zusätzlichen Stimulus, sie adressiere auch die Knappheit von Anleihen. Die Wirtschaft wachse mit einem gesunden Tempo von 2 Prozent pro Jahr, Kennzahlen für das Sentiment wie Einkaufsmanagerindices oder der ifo-Geschäftsklimaindex seien solide und der Arbeitsmarkt habe sich seit 2013 stetig verbessert.

Warum dann also nicht einen Schritt weiter gehen und fordern, die EZB solle damit anfangen, die Leitzinsen anzuheben? Zum einen habe die EZB mehrfach betont, dass sie auf dem Weg zu ihrer Zielvorgabe zunächst einen nachhaltigen Anstieg der Kerninflation sehen wolle. Die Kerninflation, also die Inflation ohne Berücksichtigung flüchtiger Bestandteile wie Nahrungsmittel- und Energiepreise, verharre allerdings auf einem Niveau von rund einem Prozent - und das seit fast vier Jahren.

Darüber hinaus hätten Draghi und andere mehrfach ihre Absicht betont, die Zinssätze erst nach einem Ende der quantitativen Lockerung (QE) anzuheben. Dabei hätten sie eine Reihe von Gründen angeführt, einschließlich der Auswirkungen auf die finanzielle Stabilität. Es sei klargestellt worden: Je früher QE ende, desto besser. Denn es schaffe Marktverzerrungen und halte Regierungen davon ab, Reformen durchzuführen.

Zwar würden Zentralbanken dazu tendieren, von Zeit zu Zeit ihre Meinung zu ändern und die Märkte zu überraschen. Dieses Mal sind die Experten von Legal & General Investment Management aber gewillt, der EZB zu glauben. Fundamentalwerte wie Lohnwachstum und Kerninflation hätten nicht genug Fahrt aufgenommen, um eine Verengung der Geldpolitik zu rechtfertigen.

Was könnte die Meinung der EZB ändern? Natürlich würde ein stärkeres Wachstum helfen, aber angesichts des Mandats der EZB, komme es letztendlich auf die Kerninflation und die mittelfristige Inflationserwartung an. Und die Inflationserwartungen des Marktes würden bei unangenehm niedrigen 1,6 Prozent schweben.

Zu berücksichtigen sei auch der Einfluss, den negative Zinssätze auf die Rentabilität der Banken gehabt hätten. Wenn es begründete Sorgen gäbe, dass beharrliche Niedrig- bis Negativzinsen die Banken zu sehr belasten, könnte die EZB ihre Meinung ändern. Aber wenn sie in der Vergangenheit herausgefordert worden sei, habe sie stets argumentiert, die Banken hätten von der wirtschaftlichen Erholung profitiert und dass die Geldpolitik - einschließlich negativer Zinsen - dazu beigetragen habe, diese zu fördern.

Insgesamt gehen die Experten von Legal & General Investment Management davon aus, dass die EZB ein besseres Wachstum anerkennen wird, um noch Ende dieses Jahres eine Straffung in der Geldpolitik anzukündigen. Zinserhöhungen dürften in naher Zukunft allerdings nicht zu sehen sein - diesen Schritt dürften Draghi & Co. weiter hinauszögern. (Ausgabe vom 07.06.2017) (08.06.2017/alc/a/a)