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EZB-Zinswende rückt näher


04.05.22 09:30
Swisscanto Invest

Zürich (www.anleihencheck.de) - Das globale Wirtschaftswachstum hat deutlich an Dynamik eingebüßt und wird wohl in diesem wie auch im nächsten Jahr unter dem Potenzialwachstum ausfallen, so die Experten von Swisscanto Invest.

Verantwortlich dafür seien der Ukrainekrieg, die Null-Covid-Strategie Chinas und die weltweit hohen Inflationsraten, die die Aussichten der Weltwirtschaft seit Jahresanfang sichtbar eingetrübt hätten. Erhöhte Energiepreise und anhaltende Lieferengpässe würden die Inflationsraten nur langsam sinken lassen. Die Risiken einer Stagflation hätten zugenommen. Dennoch würden die Experten von Swisscanto Invest davon ausgehen, dass eine globale Rezession vermieden werden könne. So seien die Unternehmen weiterhin recht zuversichtlich. Zudem sollten die angehäuften Ersparnisse, die wachsende Beschäftigung und die Aufhebung von Coronarestriktionen den privaten Konsum stützen.

An den Finanzmärkten würden die geldpolitische Verschärfung und die Unwägbarkeiten aus dem Ukrainekrieg für beträchtlichen Gegenwind sorgen. Der seit Anfang Jahr zu beobachtende rasante Renditeanstieg sei nach Ansicht der Experten von Swisscanto Invest noch nicht zu Ende, da die hohen Inflationsraten nur langsam zurückgehen würden. Das Gros des Renditeanstiegs liegt aber hinter uns, so die Experten von Swisscanto Invest. Auch die Aktienmärkte würden die Experten zurückhaltender als noch vor Monatsfrist beurteilen; insbesondere den nach wie vor hoch bewerteten US-Aktienmarkt und Aktien aus der dem Ukrainekrieg stark ausgesetzten Eurozone.

Die Inflation in der Eurozone habe markant zugenommen und zuletzt mit 7,4% einen Wert erreicht, der weit über dem Ziel der Europäischen Zentralbank (EZB) von rund 2% liege. Gemessen an der hohen Inflation hinke sie anderen Notenbanken hinterher. Von der US-Notenbank (FED) würden die Experten von Swisscanto Invest bei den nächsten zwei Meetings Leitzinsanhebungen von je 0,5% erwarten. Der Druck auf die EZB dürfte deshalb immer größer werden, ihre Geldpolitik schneller zu straffen. Die Experten von Swisscanto Invest würden erwarten, dass die EZB die Wertpapierkäufe im Juli einstellen werde, bevor im September der Einlagesatz für Geschäftsbanken von -0,50% auf -0,25% erhöht werde. Im Dezember würden die Experten mit einem weiteren Zinsschritt rechnen, womit das mehrjährige Experiment mit Negativzinsen ein Ende finde. Im nächsten Jahr dürfte sich die geldpolitische Normalisierung in ähnlichem Tempo fortsetzen. Aufschluss über den weiteren Pfad der Geldpolitik werde das EZB-Meeting im Juni geben. Bis dahin sähen die Experten von Swisscanto Invest kein signifikantes Erholungspotenzial beim Euro. Er könnte dann aber von einer restriktiveren Haltung der EZB profitieren.

Der Druck auf die Bank of Japan (BoJ) habe von allen Seiten zugenommen, nicht nur am Anleihenmarkt, wo die Notenbank die Obergrenze bei den 10-jährigen Staatsanleihen erneut mit Interventionen habe verteidigen müssen. Auch würden die Stimmen immer lauter und zahlreicher, welche die negativen Aspekte eines schwachen Japanischen Yen (JPY) für die Wirtschaft und Bevölkerung Japans hervorheben würden.

Die Experten von Swisscanto Invest würden es daher für wahrscheinlich halten, dass die BoJ über die nächsten Monate diesem Druck nachgebe und die Zinskurvenkontrolle der 10-jährigen Staatsanleihen adjustieren werde und das Zielband ausweite. Ein solcher Schritt dürfte dem Abwärtsdruck des JPY entgegenwirken und das Signal, dass die BoJ eine gewisse Flexibilität zeige, werde zusammen mit der bereits sehr pessimistischen Investorenstimmung auf der japanischen Währung eine Gegenbewegung begünstigen. Da die unterliegenden fundamentalen Faktoren, die auf dem JPY lasten würden - sprich die expansive Geldpolitik und die höheren Rohstoffpreise - dadurch aber nicht wegfallen würden, könne darüber hinaus vorderhand keine anhaltende Erholung des JPY erwartet werden.

Die Gewinnberichtssaison für das 1. Quartal habe wie erwartet nicht die gleiche Unterstützungskraft wie die der Vorquartale. Die von den Finanzanalysten aufgestellten Hürden für die Unternehmen seien zwar relativ niedrig, sodass es bislang etwa 80% von ihnen geschafft hätten, die Prognosen zu übertreffen. Die Orientierung bezüglich der kommenden Quartale bleibe aber überwiegend vage oder werde tendenziell nach unten revidiert. Die Experten von Swisscanto Invest würden insgesamt weiter steigende Gewinne erwarten und auch, dass die Dividendenzahlungen mindestens stabil gehalten würden. Eine Herausforderung für die Aktienmärkte sähen die Experten aber bei ihrer Bewertung; vor allem in den USA.

Die Entwicklung der Bilanz der US-Notenbank und des Kurs-Gewinn-Verhältnisses (KGV) des MSCI USA würden seit der Finanzkrise einen hohen Gleichlauf aufweisen. Zwar hätten Gewinnzuwächse im Laufe der Jahre steigende Kurse gerechtfertigt. Die Geldpolitik und eine niedrige Inflation hätten aber gleichzeitig dafür gesorgt, dass die Bewertung ebenfalls zugenommen habe. Mittlerweile lasse die Teuerung aber keine expansive Geldpolitik mehr zu. So würden die Experten von Swisscanto Invest einen monatlichen Bilanzabbau von USD 95 Mrd. ab Mai und kräftige Leitzinsanhebungen erwarten. Mit einem derartigen geldpolitischen Ausblick ließe sich das KGV des US-Markts nur noch mit einem weit überdurchschnittlichen Gewinnwachstum rechtfertigen. Dieses erwarten aber weder wir noch der Konsensus, so die Experten von Swisscanto Invest.

Auch die jüngsten globalen Inflationszahlen hätten sich auf jahrzehntelang nicht gesehenen Niveaus bewegt. Die Lockdowns in den Wirtschaftsmetropolen Chinas und der Ukraine-Krieg sprächen nicht dafür, dass sich der Preisdruck schnell entspanne. Die Experten von Swisscanto Invest würden daher weiterhin auf Sektoren setzen, bei denen sie davon ausgehen würden, dass ihre Mitgliedsunternehmen gute Chancen hätten, Preissteigerungen an Kunden weiterzugeben. Dazu würden die Experten die Rohstoffzykliker zählen, aber auch defensive Sektoren wie Gesundheit, nichtzyklischer Konsum oder die Versorger. Diese Präferenzen seien typisch für die reife Phase eines Konjunkturzyklus, in der die Wirtschaft zwar noch wachse, der Inflationsdruck die Zentralbanken aber zum Handeln zwinge und Investoren immer zahlreicher ein mögliches Ende des Aufschwungs zu antizipieren versuchen würden.

Die regionale Strategie lasse sich zwar nicht eins zu eins aus den sektoralen Präferenzen ableiten, aber die aktuellen Favoriten sprächen nach wie vor eher für eine überdurchschnittliche Aktienmarktentwicklung in Kanada, Australien und Großbritannien. Alle drei Märkte hätten allerdings auch ein vergleichsweise hohes Gewicht an Finanzdienstleistern in ihren Indices. Diese würden zwar von höheren Renditen am Anleihemarkt profitieren, eine restriktivere Geldpolitik und Konjunktursorgen würden ihnen jedoch zu schaffen machen. In Summe würden würden die Experten von Swisscanto Invest die drei Märkte aber weiterhin als chancenreich erachten. (04.05.2022/alc/a/a)