EZB-Zinsentscheid: Hohe Erwartungen, große Enttäuschung?


13.09.19 13:45
Weberbank

Berlin (www.anleihencheck.de) - Wenn das Wirtschaftswachstum an Dynamik verliert und Politiker ihren Teil dazu beitragen, für Unruhe zu sorgen, sehnen sich Investoren nach einem Fels in der Brandung, so Jan Nießen von der Weberbank.

Diese Rolle sei in den vergangenen Jahren häufig den Zentralbanken zugewiesen worden, und diese seien genauso oft bereit gewesen, sie auch zu erfüllen. Genau dies sei aktuell schon in den Schwellenländern erkennbar. Nahezu alle Zentralbanken würden ihre Geldpolitik lockern, um die Wirtschaft zu stimulieren.

Dementsprechend hoch gewesen seien auch die Erwartungen an den Präsidenten der Europäischen Zentralbank (EZB), Mario Draghi, tief in die Trickkiste zu greifen, um der Wirtschaft neuen Schwung zu verleihen. Und tatsächlich habe dieser am frühen Donnerstagnachmittag den Investoren einiges anzubieten gehabt. Einerseits werde der Einlagensatz erneut gesenkt und liege nun bei einer Rate von -0,5%. Andererseits habe er bekannt gegeben, das eigentlich bereits beendete Anleihekaufprogramm wieder aufleben zu lassen. Hierdurch werde dem Markt weitere Liquidität zur Verfügung gestellt und, so die Hoffnung, der Inflation neuer Schwung verliehen. Dementsprechend positiv sei die erste Reaktion gewesen. Die Aktienkurse seien gestiegen und die Anleiherenditen direkt im Anschluss an die Veröffentlichungen gefallen.

Entscheidender als die heute verkündeten Maßnahmen selbst sei allerdings das Zeitfenster, welches der EZB-Präsident für das Kaufprogramm in Aussicht gestellt habe: Mit der Ankündigung, dass die EZB über einen längeren Zeitraum am Markt aktiv bleibe, werde die Suche nach Zinserträgen für Investoren weiter erschwert und somit die Notwendigkeit größer, ein höheres Risiko einzugehen. Ob die Maßnahmen insgesamt reichen würden, um einen nachhaltig positiven Effekt auf die Wirtschaft zu haben und somit die Marktbewegung zu rechtfertigen, dürfte sich erst in den nächsten Monaten zeigen. (13.09.2019/alc/a/a)