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EZB: Vorsichtiger Einstieg in den geldpolitischen Ausstieg


12.06.17 08:15
Union Investment

Frankfurt (www.anleihencheck.de) - Erwartungsgemäß behielt die Europäische Zentralbank (EZB) am Donnerstag die relevanten Zinssätze bei, so die Experten von Union Investment.

Geändert habe die EZB hingegen ihre Kapitalmarktkommunikation zur Geldpolitik, die sich nun ausgewogener darstelle. Das heiße, die EZB stelle zwar weiterhin in Aussicht, dass die Zinsen längerfristig auf den jetzigen Niveaus bleiben würden, habe aber auf einen Hinweis bezüglich weiterer Zinssenkungen verzichtet. Dies bedeute, die Zinsen würden gemäß der EZB längerfristig und damit auch nach Beendigung des QE-Programms auf den jetzigen Niveaus bleiben. Damit schließe die Zentralbank faktisch eine zeitnahe Anhebung der Einlagenzinsen weiterhin aus.

Von besonderer Bedeutung sei die Anpassung der hausinternen EZB-Wirtschaftsprognosen ("staff macroeconomic projections") gewesen. Die Wachstumserwartungen für den Euroraum hätten sich weiter verbessert, weshalb die Wachstumsprognosen für 2017 und die beiden kommenden Jahre um jeweils 0,1 Prozentpunkte nach oben angehoben worden seien. Hinsichtlich der von niedrigen Energiepreisen und strukturellen Belastungsfaktoren geprägten Inflationsentwicklung habe die EZB ihre Erwartungen korrigieren lassen. Diese lägen für die kommenden drei Jahre im Durchschnitt gut 0,5 Prozentpunkte unter dem von der EZB gesteckten Ziel von um die 2 Prozent. Präsident Draghi habe dabei klargestellt, dass sich das Deflationsrisiko deutlich reduziert habe und sich die EZB deswegen zuversichtlich zeige, dass die Inflationsdynamik langfristig anziehen werde.

Mit der Änderung ihrer Forward Guidance habe die EZB nun den ersten Schritt zu einem sanften Ausstieg aus ihrer ultralockeren Geldpolitik vollzogen. Im Blickpunkt stünden nun die Wertpapierkäufe. Die Ankündigung einer Reduzierung (Tapering) erwarten die Experten von Union Investment frühestens im Herbst, die faktische Umsetzung könnte dann ab 2018 erfolgen.

Auf die EZB hätten vor allem die Peripheriemärkte freundlich reagiert. Die Verzinsung italienischer Zehnjahrespapiere sei nach rund 2,3 Prozent in der Spitze auf zuletzt 2,1 Prozent zurückgefallen. Dies trotz einer 6,5 Milliarden Euro schweren Neuemission italienischer Staatsanleihen zur Wochenmitte. Zudem seien dort mögliche Neuwahlen wieder etwas unwahrscheinlicher geworden. Auch spanische Papiere hätten einen Renditerückgang um mehr als 10 Basispunkte aufgewiesen. Der hohe Zinsvorteil der Peripherie sowie steile Renditekurven würden unterstützen.

Deutsche Bundespapiere hätten über die gesamte Zinsstrukturkurve nur leichte Renditerückgänge (bis zu drei Basispunkten) aufgewiesen. Am US-Markt habe hingegen die Verzinsung zehnjähriger Schatzanweisungen um einige Basispunkte auf 2,2 Prozent angezogen.

In Großbritannien sei die Rendite zehnjähriger geltes leicht unter die Ein-Prozentmarke gefallen. Das für Premierministerin May enttäuschende Wahlergebnis und die derzeitige Unsicherheit über die politische Lage dürfte die Bank of England vorerst zum Stillhalten bewegen, was für freundliche Anleihekurse gesorgt habe.

Unternehmensanleihen hätten in der letzten Woche ebenso freundlich tendiert, trotz zweier großer Neuemissionen von Volkswagen und AT&T im Gesamtvolumen von 10 Milliarden Euro. Die Risikoprämien (Spreads) hätten sich weiter auf neue Jahrestiefstände eingeengt. Ihr positives Bild hätten auch die Rentenmärkte der Schwellenländer beibehalten, trotz der Ereignisse in Brasilien und Katar sei weiterhin viel Liquidität in diesen Sektor geflossen, was für rückläufige Spreads gesorgt habe. (Ausgabe vom 09.06.2017) (12.06.2017/alc/a/a)