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EZB: Volle Kraft voraus! Ist das wirklich der richtige Kurs?


14.09.17 12:15
fairesearch

Frankfurt (www.anleihencheck.de) - Bei der Konferenz in Jackson Hole Ende August hatte EZB Präsident Mario Draghi jeden Hinweis auf einen Einstieg in den Ausstieg aus der ultra-expansiven Geldpolitik vermieden und damit viel Verwirrung an den Finanzmärkten ausgelöst, so Dr. Eberhardt Unger von "fairesearch".

Auf der Ratssitzung der EZB am 7. September sei wiederum beschlossen worden, an diesem Kurs festzuhalten. Also "volle Kraft voraus"! Es bleibe bei ZIRP und QE von monatlichen Anleihenkäufe von EUR 60 Mrd., bis mindestens Ende 2017. Die Möglichkeit, die Käufe sogar noch auszuweiten, halte die EZB offen. Die Kritik der Teilnehmer an den Finanzmärkten werde immer breiter.

Unbestritten bleibe, dass die Wirtschaft in der Eurozone stärker als erwartet wachse. Das BIP-Plus werde jetzt auf 2,2% geschätzt, das stärkste seit zehn Jahren. Die Geldpolitik sei also expansiver als auf dem Höhepunkt der Krise. Doch Draghi weise auf den Wechselkurs des Euro als "eine Quelle der Unsicherheit" hin. Doch die Euro-Aufwertung reiche nicht als Argument gegen das Auslaufen von QE. Bis Ende 2017 werde die EZB festverzinsliche Wertpapiere für EUR 2,3 Billionen gekauft haben. Die EZB Bilanzsumme sei von EUR 1,1 Billionen im Januar 2007 auf jetzt EUR 4,28 Billionen angestiegen (zum Vergleich FED von USD 0,8 Billionen auf jetzt 3,74 Billionen). Zur Entschärfung der Diskussionen verweise Draghi auf die nächste Sitzung am 26. Oktober. Aber was solle sich bis dahin gesamtwirtschaftlich ändern?

Offensichtlich habe die EZB Sorgen vor einer möglichen Überreaktion der Finanzmärkte in Form von kräftig sinkenden Kursen. Doch die Flut des billigen Geldes weise schon längere Zeit nicht mehr auf positive Wirkungen hin, sondern führe nur zu einer weiteren Ausdehnung der Finanzblase. Der Grenznutzen weiterer Lockerungen dürfte bereits negativ sein. Das ändere auch die Einstellung der Finanzmarktteilnehmer. Die ständige Verschiebung des Einstiegs in den Ausstieg vergrößert nur die Unsicherheiten über die weitere Stabilität unseres Finanzsystems, so die Experten von "fairesearch". Lieber ein Ende mit Schrecken, als ein Schrecken ohne Ende.

Was bedeute es für einen Anleger und einen Kreditnehmer zu wissen, dass sich der Leitzins auf einem Rekordtiefstand befinde und die QE Anleihenkäufe in absehbarer Zukunft zurückgeführt würden? Für den Kreditnehmer werde es jetzt Zeit, seinen Kreditbedarf zu ermitteln und sich die günstigen Konditionen längerfristig zu sichern. Auf den Geldmärkten würden die Konditionen wahrscheinlich noch zwei Quartale enttäuschend bleiben und auf mittlere Sicht in realer Rechnung eine negative Verzinsung bringen, seien aber ohne Kursrisiko.

Die langen Rentenrenditen würden sich ebenfalls nahe ihrer Rekordtiefstände befinden und Gefahr laufen, anzusteigen, wenn die EZB Anleihenkäufe zurückgeführt und die EZB Bilanzsumme abgebaut würden. Die Indices der Aktienmärkte würden nahe Rekordhöhen notieren. Ursache für die Sorglosigkeit der Anleger sei die langanhaltende ultra-expansive Geldpolitik. Liquiditätshilfen in Billionen Höhe und Nullzinspolitik würden die Anleger in immer riskantere Investitionen drängen, wovon auch die Aktienmärkte profitiert hätten. Durch den günstigen Konjunkturverlauf erhalte diese Anlageform eine Stütze. Die Aktienauswahl mit der Ausrichtung auf Unternehmensdaten sollte sich auf dividendenstarke Aktien und solche mit nachvollziehbarem Wachstumspotential konzentrieren.

Die Rohstoffmärkte würden ebenfalls von der anziehenden Weltkonjunktur profitieren. NE-Metalle würden anziehen. Energiepreise würden stagnieren. Die Preise der Edelmetalle erfahren Impulse durch das zunehmende Misstrauen der Märkte über die langfristige Stabilität unseres Finanzsystems, so die Experten von "fairesearch". (Ausgabe vom 13.09.2017) (14.09.2017/alc/a/a)