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EZB: Stimmt die Mehrheit des Rats für eine Änderung offizieller geldpolitischer Erwartungsführung?


13.11.17 11:30
Raiffeisen Bank International AG

Wien (www.anleihencheck.de) - In den kommenden Tagen werden in der Eurozone weitere BIP-Schnellschätzungen für das dritte Quartal veröffentlicht, so die Analysten der Raiffeisen Bank International AG (RBI).

Allerdings fehle diesen Terminen ein wenig die Brisanz. Erstens lägen für einige Länder der Eurozone ohnehin schon Ergebnisse vor. Zweitens seien zuletzt von prominenten nationalen und internationalen Wirtschaftsforschungsinstituten neue Prognosen vorgestellt worden, welche allesamt eine anhaltend gute Konjunkturlage bescheinigen würden (z.B.: Deutscher Sachverständigenrat, EU-Kommission). Die Q3-BIP-Zahlen für die großen Euroländer Deutschland, Italien und die Niederlande würden wohl dieses Bild von der Wirtschaftsentwicklung untermauern. Des Weiteren sollten die Umfragen des ZEW-Instituts Beachtung finden. Sowohl in Deutschland als auch in der gesamten Eurozone sollten sich nach Meinung der Analysten der RBI die Konjunkturerwartungen verbessert haben.

Ebenfalls erwähnenswert sei die Veröffentlichung der Industrieproduktion in der Eurozone für den Monat September. Der Anstieg des Outputs in Frankreich, den Niederlanden und Finnland werde das deutliche Minus in Italien, Deutschland und Portugal nicht aufwiegen können, sodass die Analysten für die Währungsunion von einem merklich verringerten Produktionsleistung im Vergleich zum Vormonat ausgehen würden.

Am Staatsanleihemarkt hätten zuletzt Wortmeldungen von Notenbankern für eine Umkehr des zuvor beobachtbaren Renditeabwärtsdrifts gesorgt. Weidmann und Nowotny hätten sich einmal mehr für ein Ende der Anleihekäufe in absehbarer Zeit ausgesprochen. Allerdings sei ihre Meinung zu dieser Fragestellung hinlänglich bekannt, und es sei auch kein Geheimnis, dass weitere Ratsmitglieder diese Ansicht teilen würden. Allerdings habe sich nach Lautenschläger nunmehr mit Coeuré ein zweites EZB-Direktoriumsmitglied öffentlich in dieses Lager positioniert. Somit sei also auch das Direktorium in dieser Frage zunehmend unterschiedlicher Meinung. Eigentlich lasse die offizielle Wortwahl Raum für eine weitere Verlängerung der Anleihekäufe über September 2018 hinaus. Diese Position werde von Draghi, Constancio und Praet bemüht. In Summe sei klar geworden, dass sich mit den verbesserten Konjunktureinschätzungen auch die Stimmenverhältnisse zu verschieben beginnen würden.

Allerdings fehle es noch an Zeichen, dass die Inflationsrate nachhaltig zulegen werde. Da die Analysten der RBI bis Januar noch mit einer verhaltenen Teuerungsentwicklung rechnen, sehen sie kaum eine Chance, dass die Mehrheit des EZB-Rats bis Jahresende für eine Änderung der offiziellen geldpolitischen Erwartungsführung stimmt. Die Analysten sähen somit die jüngste Aufwärtstendenz der Rendite für deutsche Staatsanleihen als Teil einer Bewegung innerhalb der seit Monaten etablierten Bandbreite und würden bei ihrer "halten"-Empfehlung für deutsche Anleihen mit mittleren und längeren Laufzeiten bleiben. (Ausgabe vom 10.11.2017) (13.11.2017/alc/a/a)