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EZB: Spiel auf Zeit


06.09.21 14:00
Helaba

Frankfurt (www.anleihencheck.de) - Angesichts der erhöhten Inflation steigt der Druck auf den EZB-Rat, so die Analysten der Helaba.

Größere Entscheidungen seien allerdings nicht zu erwarten. Vielmehr dürfte Gelassenheit demonstriert werden.

Der EZB-Rat melde sich am 9. September aus der Sommerpause zurück und müsse konstatieren, dass in der Zwischenzeit die Inflation im Euroraum mit 3% auf den höchsten Stand seit rund zehn Jahren geklettert sei. Eine Auswirkung werde dies relativ sicher haben: Die Inflationsprojektionen der EZB für dieses Jahr dürften deutlich angehoben werden (bisheriger Wert: 1,9%), was jedoch eher eine Fußnote darstelle.

Bedeutender sei, wie die Prognosen für 2022 (1,5%) und 2023 (1,4%) angepasst würden. Beide Werte lägen bislang klar unter dem EZB-Ziel von 2% und würden mit der jüngsten Aussage von EZB-Mitglied Isabel Schnabel harmonieren, dass sich der EZB-Rat eher sorge, die Inflation könne auf mittlere Sicht zu niedrig ausfallen. Deutliche Anhebungen hätten hier also durchaus das Potenzial, diese Haltung in Frage zu stellen. Allerdings sei bei den Prognosen, wie schon zuletzt, eher mit moderaten Anpassungen zu rechnen. Ob die EZB mit den beharrlichen Hinweisen auf Sondereffekte recht habe oder der jüngste Inflationsanstieg strukturell nachhaltig sei, werde sich ohnehin erst in den kommenden zwei Jahren zeigen.

Gleichwohl dürfte im EZB-Rat die Diskussion bezüglich möglicher Inflationsrisiken intensiv ausfallen. Die geldpolitischen Falken hätten sich zuletzt stärker zu Wort gemeldet und würden auf eine Reduzierung des Pandemie-Kaufprogramms (PEPP) drängen. Noch mehr Beachtung würden Anleger allerdings Tauben schenken, die auf einmal andere Meinungen vertreten würden. So geschehen im Fall des EZB-Vizepräsidenten Luis de Guindos, der offenbar vom Konjunkturaufschwung im Euroraum so angetan sei, dass er mit einer planmäßigen Beendigung von PEPP im März 2022 rechne.

Ob alle Tauben im Rat seine Meinung teilen würden, dürfe jedoch bezweifelt werden. EZB-Präsidentin Christine Lagarde scheine ebenfalls zu Korrekturen bereit zu sein. Sie sehe nunmehr chirurgisch genaue Maßnahmen zur Unterstützung einzelner Sektoren notwendig und weniger eine breite Unterstützung der gesamten Wirtschaft.

Was dies konkret bedeute, bleibe abzuwarten. Bisher sei die allgemeine Richtschnur gewesen, dass die günstigen Finanzierungsbedingungen gewahrt werden müssten. Könne dieses Ziel mit geringeren Anleihekäufen erreicht werden, werde weniger erworben. Im Prinzip laufe dies auf eine Stabilisierung der Kapitalmarktzinsen auf niedrigem Niveau hinaus. Rückwirkend betrachtet habe dieses System bislang ganz gut funktioniert. 10-jährige Bunds würden sich seit Mitte April 2020 seitwärts in einem Renditeband von -0,6% bis -0,1% bewegen - kein Vergleich zum dynamischen Aufwärtstrend bei Wirtschaftswachstum und Inflation.

Aktuell lägen Bunds, die die Benchmark für den europäischen Rentenmarkt darstellen würden, bei -0,4%. Die EZB könne daher im vierten Quartal etwas entspannter agieren. Im August habe sie das Tempo spürbar verschärft und mit 93 Mrd. Euro im Vergleich zu Juni und Juli rund 17 Mrd. Euro mehr "ausgegeben". Die bisherige Sprachregelung, dass die Ankäufe deutlich umfangreicher ausfallen würden, werde vor diesem Hintergrund vermutlich wegfallen. Dies dürfte zu Jahresende für Druck auf die Anleihekurse sorgen.

Die übergeordnete Frage, in welchem Umfang die EZB nach dem März 2022 Anleihen kaufe, werde in dieser Sitzung wahrscheinlich nicht beantwortet. Die Notenbank spiele hier auf Zeit. Laufe bei der Pandemie bzw. der Konjunkturentwicklung etwas aus dem Ruder, könnte sie einfach die PEPP-Verlängerungskarte ziehen. Gebe es keine bösen Überraschungen, habe sie noch Zeit sich etwas auszudenken.

So bestehe u.a. die Möglichkeit, das Asset Purchase Programme (APP), das zweite parallel zu PEPP laufende Kaufprogramm, entsprechend den Bedürfnissen umzurüsten. Das aktuelle Volumen betrage hier monatlich rund 20 Mrd. Euro. Hier könnten beispielsweise die flexiblen Elemente des PEPP eingebaut werden, um die Anleihemärkte weiterhin zu kontrollieren und so - aus Sicht der EZB - langfristig optimale Finanzierungsbedingungen zu gewährleisten. (Ausgabe vom 03.09.2021) (06.09.2021/alc/a/a)