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EZB-Sitzung: Neuigkeiten zur Überprüfung der Strategie?


04.09.20 09:45
Hamburg Commercial Bank

Hamburg (www.anleihencheck.de) - Sinken die Renditen der US-Staatsanleihen trotz der Fortsetzung der Rally an den Aktienmärkten? Oder setzt sich die Rally an Aktienmärkten fort, weil die Renditen sinken? Tatsache ist, dass man erneut von einer Risk-On-Stimmung sprechen kann, die sich in neuen Rekordständen beim S&P 500 und beim Technologieindex NASDAQ manifestieren, so die Analysten der Hamburg Commercial Bank AG.

Der Dow Jones-Index liege wieder über 29.000 Punkten und damit nicht mehr weit entfernt von dem im Februar erreichten Allzeithoch. In Europa tue man sich da etwas schwerer. Hier liege man etwa beim Europe Stoxx 600 noch etwa 11% unter dem Stand bei Jahresbeginn.

An den Rentenmärkten sei von Risikofreude wenig zu spüren. Im Wochenvergleich seien die zehnjährigen US-Staatsanleiherenditen sogar zurückgegangen und in Deutschland nach einem kurzen Anstieg wieder auf das Startniveau zurückgefallen. In diesem Umfeld habe die Bundesregierung ihre erste grüne Bundesanleihe platziert, die fünffach überzeichnet gewesen sei und mit einer Rendite von - 0,463% gepreist worden sei.

Maßgeblich für die rückläufige Entwicklung der Renditen in den USA dürfte die Rede von FED-Chef Jerome Powell gewesen sein, der bei der virtuellen Jackson Hole-Konferenz den Strategiewechsel hin zu einem durchschnittlichen Inflationsziel bekannt gegeben habe. Die Quintessenz sei, dass die FED in den nächsten Jahren eine Inflation von über 2% anstreben werde und sich nicht mit einer Teuerungsrate von 2% zufrieden geben werde. Nun könnte man glauben, dass diese Aussage eigentlich die langfristigen Renditen, die ja traditionell auch als Gradmesser für die erwartete Inflation herangezogen würden, beflügeln sollten. Allerdings impliziere diese Ankündigung auch die Schlussfolgerung, dass die Notenbank den Leitzins deutlich länger als man das früher getan hätte, nahe Null lasse.

Da die Anleiheankäufe, mit denen auch die langfristigen Renditen beeinflusst würden, ein mittlerweile selbstverständliches geldpolitisches Instrument geworden seien, würden viele Marktteilnehmer erwarten, dass die FED die lockere Geldpolitik auch dann fortsetze, wenn die Inflation zu steigen beginne. Konjunkturseitig seien die Renditen nicht unterstützt worden. So hätten die ADP Job-Daten nur einen mäßigen und unter den Erwartungen liegenden Beschäftigungsaufbau gezeigt. Für Freitag (04.09.2020) werde erwartet, dass per saldo 1,7 Millionen Menschen Arbeit aufnehmen würden.

Auch aus der Eurozone seien eher enttäuschende Daten gekommen. So würden die PMI-Daten für das Verarbeitende Gewerbe zeigen, dass zwar in Italien und Deutschland der Index gestiegen sei. In Frankreich und Spanien sei der Umfragewert aber gesunken und liege jetzt in beiden Ländern sogar knapp unter 50. Für die Eurozone ergebe sich daher - das habe die Flash-Prognose von letzter Woche bereits angezeigt - ein leicht gesunkener Wert. Vor dem Hintergrund der sich jetzt bereits wieder abschwächenden Erholung in der Eurozone stelle sich die Frage, ob der Optimismus der Bundesregierung, die am Dienstag (01.09.) ihre aktualisierte BIP-Prognose vorgestellt habe, gerechtfertigt sei.

So werde in der neuen Prognose "nur" noch von einer Schrumpfung des BIP in diesem Jahr von 6,1% ausgegangen (vorher: -6,7%, kalenderbereinigt). Dies impliziere eine recht kräftige Erholung im zweiten Halbjahr. Die Dynamik nehme dann aber gemäß der Prognose im kommenden Jahr deutlich ab. Die Bundesregierung erwarte einen BIP-Zuwachs von 4,4%, was deutlich niedriger als die bisherige Zahl von 5,2% sei.

In der kommenden Woche finde die EZB-Sitzung statt. Gut möglich, dass die Notenbank ebenfalls einen Zwischenstand zur Strategiediskussion präsentiere. Es würde nicht überraschen, wenn die EZB einen ähnlichen Weg gehe wie die FED. An der Inflationsentwicklung selber werde dies kurzfristig nichts ändern. Aber bei den Zinserwartungen würde sich eine derartige Ankündigung durchaus niederschlagen. Die langfristigen Renditen könnten erneut nachgeben, weil die EZB im Rahmen ihrer lockeren Geldpolitik an niedrigen Langfristzinsen interessiert sein dürfte und dafür das PEPP-Programm weiter einsetzen werde. Ein anderes Thema werde bei der Pressekonferenz voraussichtlich die Stärke des Euro sein, zumal der EZB-Chefvolkswirt Philip Lane am Dienstag zu diesem Thema Stellung genommen habe.

Er habe gesagt, man verfolge zwar kein Wechselkursziel, aber die Bewertung des Euro sei dennoch für die Geldpolitik wichtig. Zwischenzeitlich habe die Gemeinschaftswährung 1,20 US-Dollar erreicht und sei jetzt nach Gewinnmitnahmen auf 1,18 zurückgefallen. Eine starke Währung habe preisdämpfende Effekte aufgrund der niedrigeren Importpreise aus Nicht-Euroländern. Das würde es für die Notenbank noch schwerer machen, die Inflation anzukurbeln. Insofern würde die Ankündigung eines Strategiewechsels hin zu einem großzügiger ausgelegten Inflationsziel sicherlich helfen, den Aufwertungstrend zumindest zu dämpfen.

Datenseitig sei unter anderem auf die Auftragseingänge für die deutsche Industrie (04.09.), die Exportdaten Chinas (07.09.) und Deutschlands (08.09.) sowie Industrieproduktionsdaten aus der Eruozone (Deutschland, Frankreich, Italien) zu achten. Am Montag (07.09.) sei Labor Day in den USA. Außerdem starte an diesem Tag eine neue Verhandlungsrunde zwischen Großbritannien und der EU. Im Vorfeld sei die Rhetorik eher konfrontativ gewesen, was allerdings durchaus Verhandlungstaktik sein könne. (Ausgabe vom 03.09.2020) (04.09.2020/alc/a/a)