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EZB-Ratssitzung: Wahrscheinlichkeit geldpolitischer Trendwende nicht verändert


09.06.17 11:00
Postbank Research

Bonn (www.anleihencheck.de) - Die Konservative Partei hat bei den gestrigen Wahlen ihre absolute Mehrheit im britischen Unterhaus verloren, so die Analysten von Postbank Research.

Damit stehe Großbritannien eine möglicherweise schwierige Regierungsbildung bevor. Die Brexit-Verhandlungen könnten sich dadurch weiter verzögern.

Erwartungsgemäß habe es auf der gestrigen EZB-Ratssitzung keine Beschlüsse zur Änderung der Geldpolitik gegeben. Anpassungen habe die Notenbank aber bezüglich der Einschätzung der Konjunkturrisiken und der Forward Guidance vorgenommen. Angesichts anhaltend guter makroökonomischer Daten aus dem Euroraum zeige sich die EZB nun zuversichtlicher und sehe die Risiken für ihren Ausblick als ausgeglichen an. Zugleich seien die EZB-Projektionen für das BIP-Wachstum angehoben worden. Die Währungshüter würden für dieses Jahr nun einen Zuwachs des EWU-BIPs von 1,9%, für 2018 von 1,8% und für 2019 von 1,7% erwarten.

Deutlich zurückhaltender zeige sich die EZB noch mit Blick auf die Entwicklung der Inflation. Sie verweise auf eine immer noch sehr niedrige Kerninflation und erwarte unverändert nur einen graduellen Anstieg der Inflationsrate. Die EZB-Projektionen für die Inflation seien abgesenkt worden, auf 1,5% für 2017, 1,3% für 2018 und 1,6% für 2019.

Die EZB habe darüber hinaus eine Anpassung ihrer Forward Guidance vorgenommen. Sie erwarte die Leitzinsen nun für längere Zeit auf dem aktuellen Niveau und habe den ausdrücklichen Hinweis auf die Möglichkeit weiterer Leitzinssenkungen fallen gelassen. An der aktuellen Ausgestaltung des Anleiheankaufprogramms halte sie dagegen ebenso unverändert fest wie an der Möglichkeit einer nochmaligen Ausweitung der Ankäufe.

Vor dem Hintergrund der zuletzt eher schwachen Inflationsdaten aus der Eurozone sei die Änderung der Forward Guidance in Verbindung mit einer veränderten Beurteilung der Konjunkturrisiken doch etwas überraschend. Gleichwohl hat sich die Wahrscheinlichkeit einer geldpolitischen Trendwende mit der gestrigen Ratssitzung nach Einschätzung der Analysten von Postbank Research nicht verändert. Draghi habe auf der Pressekonferenz wiederholt auf die nach Einschätzung der EZB noch zu geringe Inflationsdynamik und den Zusammenhang mit der bisher moderaten Lohnentwicklung im Euroraum hingewiesen. Vor allem die Tatsache, dass die Notenbank ihre Inflationsprojektion für 2018 relativ deutlich auf nur noch 1,3% abgesenkt habe, spreche nicht gerade für eine baldige substanzielle Trendwende in der Geldpolitik.

Gleichwohl sehen die Analysten von Postbank Research aber immer noch eine gute Chance, dass die EZB auf einer ihrer Sitzungen im Herbst dieses Jahres eine moderate Reduzierung der Anleiheankäufe ab Januar 2018 beschließt. Mit baldigen Leitzinserhöhungen sei hingegen auch nach der gestrigen Sitzung weiterhin nicht zu rechnen.

Das EWU-BIP sei im 1. Quartal gegenüber der Vorperiode um 0,6% gewachsen, und damit etwas stärker als zuvor gemeldet. Unerwartet starke Wachstumsimpulse seien dabei von den Bruttoanlageinvestitionen ausgegangen. Dies sei ein gutes Zeichen für die Robustheit des laufenden Konjunkturaufschwungs.

Heute stünden keine wichtigen Konjunkturdaten zur Veröffentlichung an. (09.06.2017/alc/a/a)