EZB-Ratssitzung: Leitzinsen bleiben auf ihren historischen Tiefstwerten


12.06.17 15:00
Nord LB

Hannover (www.anleihencheck.de) - Im Zum Wochenbeginn richten die Marktakteure den Blick nach vorn auf die anstehenden Entscheidungen der Notenbanken in Washington, Zürich, London und Tokio - und natürlich auch zurück auf die Ratssitzung der EZB am vergangenen Donnerstag, so die Analysten der Nord LB.

Wie erwartet habe die EZB in Tallinn keine Änderungen an ihrer Geldpolitik beschlossen. Die Leitzinsen würden auf ihren historischen Tiefstwerten bleiben und auch das Anleiheankaufprogramm (EAPP) werde im bestehenden Umfang von monatlich EUR 60 Mrd. mindestens bis Ende 2017 fortgesetzt. Allerdings habe die Notenbank Änderungen an ihrer Forward Guidance vorgenommen und dabei den "Easing Bias" zu den Leitzinsen fallen lassen. Mit dieser rhetorischen Anpassung in Richtung einer Abwendung von weiteren Zinssenkungen sei von den meisten Marktteilnehmern zumindest für die heutige Sitzung nicht gerechnet worden.

Auf der sich an die Sitzung anschließenden Pressekonferenz habe der Ratsvorsitzende Mario Draghi die aktualisierten Projektionen zur Preis- und Konjunkturentwicklung präsentiert. Die Wachstumsdynamik in der Eurozone werde nun stärker eingeschätzt und die Risiken für die wirtschaftlichen Perspektiven seien erstmals wieder als weitgehend ausgeglichen bezeichnet worden. Anders als noch im März würden die Volkswirte der EZB jetzt von einem jährlichen Anstieg der Lebenshaltungskosten um 1,5% in diesem Jahr und von nur noch 1,3% bzw. 1,6% in den Jahren 2018 und 2019 ausgehen. Die Inflationsprognose sei damit nach unten revidiert und der zugrunde liegende Preisdruckzugleich als weiterhin gedämpft bezeichnet worden. Der Preisanstieg bleibe also in dieser Projektion bis auf weiteres unterhalb der Zielmarke von nahe 2%, Deflationsrisiken hätten sich nach Ansicht der EZB aber verflüchtigt.

An der Legitimation einer akkommodierenden Geldpolitik habe sich aus diesem Blickwinkel wenig geändert. Auf dieser Grundlage habe die Notenbank die Forward Guidance zur zukünftigen Leitzinspolitik verändert. Demnach erwarte der Rat für einen ausgedehnten Zeitraum ein Verharren der Leitzinsen auf dem aktuellen, aber eben nicht mehr auf einem noch niedrigeren Niveau. Allerdings behalte sich die EZB vor, das Anleiheankaufprogramm im Bedarfsfall hinsichtlich seiner Dauer und/oder seines Umfangs auszuweiten. Hier bleibe der "Easing Bias" also vorerst bestehen. Dieser Kompromiss unterstreiche die sehr vorsichtige Gangart bei der früher oder später notwendigen Hinwendung zu einer perspektivisch wieder neutraleren Geldpolitik.

Draghi habe auf Nachfrage erklärt, die Anpassung der Forward Guidance sei von allen Ratsmitgliedern unterstützt worden, er habe jedenfalls keinen Dissens gehört. Die nun nicht mehr lange hinauszuzögernden Überlegungen zu einem Tapering des Ankaufprogramms seien nach Draghis Erläuterungen allerdings gar nicht diskutiert worden. Das werde sich in den nächsten Sitzungen ändern müssen. Der vielleicht ein ganz klein wenig forschere, aber weiter betont graduelle Anpassungspfad bestätige die Prognose der Analysten, wonach die EZB bis in das Jahr 2019 hinein an ihrer Niedrigzinspolitik festhalten werde. Sofern keine unvorhersehbaren Friktionen auftreten würden, werde die Notenbank allerdings zum Jahresbeginn 2018 mit dem schrittweisen Herunterfahren ihres Ankaufprogramms beginnen müssen. Informationen zu der operativen Umsetzung könnten schon auf einer der nächsten Ratssitzungen auf dem Programm stehen.

Am Mittwoch werde die Federal Reserve ihren nächstendosierten Schritt hin zu einer neutraleren Ausrichtung ihrer Geldpolitik vollziehen und die FED Funds Rate auf 1,25% anheben. Dies könne als ebenso sicher gelten wie die Einschätzung, dass die Schweizerische Nationalbank und die Bank of England am Donnerstag sowie die Bank of Japan am Freitag keine Änderungen an ihren bis dato verfolgten Strategien vornehmen würden. Insbesondere die Notenbank in London habe gerade angesichts der die wirtschaftliche Aktivität lähmenden politischen Ungewissheit sowie der mit dem schwachen Pfund nach oben laufenden Inflation keine andere Wahl als geradeaus zu fahren. Das sei zumindest eine Konstante inmitten der ansonsten schwer kalkulierbaren Rahmenbedingungen für die wirtschaftliche Entwicklung im Vereinigten Königreich. (12.06.2017/alc/a/a)