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EZB: PEPP 2.0-Phase der quantitativen Lockerungen zu erwarten


16.07.21 08:45
Degroof Petercam

Brüssel (www.anleihencheck.de) - Die EZB hat in der vergangenen Woche überraschend beschlossen, die Ergebnisse ihrer verspäteten Überprüfung der Geldpolitik früher als erwartet zu veröffentlichen, so Peter De Coensel, CIO Fixed Income bei Degroof Petercam Asset Management (DPAM).

Beobachter hätten damit im September gerechnet. Für den Rest des Jahres sollten Anleger die Aussagekraft von hochvolatilen Konjunkturdaten mit großer Skepsis betrachten. Basiseffekte würden die Bedeutung der Signale im Vergleich zum Vorjahr verzerren und verringern. Die Weltwirtschaft und die sozialen Verwerfungen, die durch die Pandemie ausgelöst worden seien, würden erst in den nächsten Jahren zeigen, ob ein tatsächlicher Schaden entstanden sei oder nicht.

Die Überprüfung der wirtschafts- und geldpolitischen Säule der EZB habe zu einer Änderung ihres primären Inflationsmandats geführt. Dieses beinhalte das Streben nach Preisstabilität. Von einem mittelfristigen Inflationsziel unter aber nahe 2% sei die EZB nun zu einem symmetrischen Ziel von absolut 2% übergegangen. Es habe nicht lange gedauert, bis die EZB betont habe, dass es sich nicht um eine Anpassung im Stil des "Average Inflation Targeting" der US-amerikanischen Notenbank handle. Die FED versuche hingegen effektiv, Inflationsunterschreitungen auszugleichen, indem sie Überschreitungen zulasse, um ihr 2%-Inflationsziel im Laufe der Zeit zu erreichen. Die FED habe sich somit für eine "Make up"-Strategie entschieden. Die EZB habe die Andersartigkeit ihres Ansatzes unterstrichen, um die Öffentlichkeit für sich zu gewinnen und ihre Glaubwürdigkeit zu erhöhen.

Mit diesem neuen Inflationsziel habe die EZB den Spielraum erweitert. Sie werde die Auswirkungen auf die Kerninflation und den Harmonisierten Verbraucherpreisindex (HVPI) überprüfen, da sie die Preise für Häuser in ihren Korb aufnehmen werde, was die öffentliche Relevanz des HVPI-Index steigern und diesen zwischen 0,2% und 0,3% höher ausfallen lassen würde. Diese Änderungen könnten sich erst nach mehreren Jahren zeigen, möglicherweise 2025, wenn die EZB die Angemessenheit ihrer veränderten geldpolitischen Strategie beurteilen könne. In der Zwischenzeit könnte die EZB erste Schätzungen der Kosten für selbstgenutztes Wohneigentum berücksichtigen, um ihr Spektrum an breiteren Inflationsmaßen zu ergänzen. Die aktuelle HVPI-Schätzung der EZB bis 2023 liege bei 1,4% und sei damit weit entfernt von der Zielmarke von 2,00%.

Gleichzeitig habe die EZB den Klimawandel in den Faktoren-Mix, der die Preisstabilität beeinflusse, mit einbezogen. Ihr Sicherheitskonzept, das Programm zum Ankauf von Unternehmensanleihen und ihre Risikobewertungen würden auch Parameter zum Klimawandel enthalten. Die Offenlegung von klimabezogenen Informationen über ihr Ankaufprogramm für den Unternehmenssektor wolle die Notenbank bis zum ersten Quartal 2023 erreichen. Das könnte die Kluft zwischen "guten" und "schlechten" Unternehmen beschleunigen und vertiefen, die bei der Betrachtung der jeweiligen Kreditrisikoprämien (Spreads) immer deutlicher sichtbar werde.

Die Integration von ESG-Faktoren werde standardisiert und bei europäischen Unternehmensanleihenfonds flächendeckend eingeführt werden. Die Finanzwirtschaft (insbesondere die Investmentfondsbranche) werde in Bezug auf ESG-Faktoren nur noch in Best-in-Class-Unternehmen im Allgemeinen investieren oder Unternehmen auswählen, die speziell ein klares, wissenschaftlich fundiertes CO2-Reduktionsziel vorantreiben würden. In den letzten Quartalen hätten nachhaltigkeitsbezogene Primäremissionen bei Finanz- und Nicht-Finanz-Emittenten an Dynamik gewonnen. Bei diesem Tempo frage man sich, ob es in drei Jahren überhaupt noch "traditionelle" Neuemissionen von Anleihen geben werde?

Der neue Kurs der Geldpolitik werde ab dem 22. Juli umgesetzt und er werde auch die weiteren EZB-Sitzungen in 2021 bestimmen. Und was passiere 2022? Rechnen Sie mit einer vollständigen Aufhebung des Pandemie-Notfall-Kaufprogramms (PEPP) bis Ende März 2022 und einer PEPP 2.0-Phase der quantitativen Lockerungen unmittelbar im Anschluss, so die Experten von DPAM. Das ursprüngliche Asset Purchase Program (APP) in Höhe von 20 Mrd. EUR pro Monat werde höchstwahrscheinlich unverändert beibehalten. Dieses sei an viele Bedingungen geknüpft, insbesondere an Emissions- und Emittenten-Limits. Ein zweites, PEPP-ähnliches Programm mit geringeren Auflagen könnte zur Unterstützung der wirtschaftlichen Erholung in der Eurozone hinzukommen. PEPP 2.0 würde über einen kürzeren Zeitraum von etwa 18 Monaten bis September 2023 laufen und mit einem geringeren Volumen an quantitativen Maßnahmen verbunden sein. Bis April 2022 werde die Verbraucherpreisinflation immer noch unter dem Zielwert von 2,00% liegen. Basiseffekte, die die Inflation heute nach oben treiben würden, würden bis dahin entgegengesetzt wirken. Rechnen Sie also damit, dass die EZB im zweiten Halbjahr 2021 ein PEPP 2.0 ankündigen wird, so die Experten von DPAM.

Dieser Rahmen sollte der schwierigen Aufgabe, das Inflationsziel zu erreichen und gleichzeitig die Glaubwürdigkeit der EZB zu erhalten, angemessen sein. Erwarten Sie einen Umfang von etwa 500 Mrd. EUR über 18 Monate hinweg, so die Experten von DPAM. Einschließlich des APP in Höhe von 20 Mrd. EUR und fortgesetzten Reinvestitionen von fälligem Kapital und Kupons würden die Experten von DPAM ein monatliches Volumen zwischen 50 und 60 Mrd. EUR erwarten. Eine solche Durations-Absorption werde die effektive Steuerung der EZB-Renditekurve aufrechterhalten. Die kurzfristigen Finanzierungsbedingungen für Regierungen und Großunternehmen in der EU würden weiterhin stabil bleiben. Im Fünfjahresbereich sei wenig Druck zu erwarten. Bei den 10-jährigen und insbesondere bei den 30-jährigen Renditen könnte ein gewisser Druck entstehen, da angesichts des höheren Inflationsziels von 2,00% eine zusätzliche Inflationsrisikoprämie eingepreist werde. Die Verteilung der möglichen HVPI-Inflationsergebnisse könnte als Reaktion auf den Symmetriezusatz eine Rechtsschiefe aufweisen. Die US-Renditekurve habe diesbezüglich einen richtungsweisenden Aussagewert. Daher sollten Anleger nicht zu selbstgefällig sein und sich auf einen Kurvenanstieg oberhalb des 10-Jahres-Punktes bei Kern-EWU-Staatsanleihen einstellen.

Habe die Euro-Währung kontinuierliche quantitative Aktivitäten bis zum dritten Quartal 2023 vollständig eingepreist? Habe die Gemeinschaftswährung einen verlängerten Status quo der EZB-Leitzinsen gegenüber anderen Zentralbanken eingepreist? Betrachte man den Euro/Dollar-Wechselkurs als Benchmark, habe man die vergangene Woche bei 1,1875 beendet. Die Zinsparitätstheorie veranschlage einen Euro/Dollar-Wechselkurs von 1,1970 auf ein Jahr, 1,2250 auf drei Jahre, 1,2675 auf fünf Jahre und 1,3750 auf zehn Jahre. Alle direktionalen Transaktionen würden gegen diese Erwartungswerte antreten, die jeder Investor aktuell festschreiben könne. Die synchronisierten globalen Wachstumsbedingungen würden einen Hintergrund für einen schwächeren Dollar schaffen. Allerdings würden die aktuellen Daten auf bevorstehende Schwierigkeiten hindeuten. Der Höhepunkt des Wachstums sei möglicherweise noch nicht erreicht, da die überschüssigen Ersparnisse teilweise aufgebraucht werden könnten. Selbst wenn nur ein Teil der Überschussersparnisse aufgebraucht werde, würden die Wachstumsindikatoren dadurch Rückenwind erhalten.

Dennoch könnte der Dollar im Laufe des Jahres 2022 das Ende seines zyklischen Abwertungszyklus erleben, da die FED die quantitative Lockerung stetig zurückführen werde und die Märkte auf die zunehmende Divergenz zwischen der EZB (mehr Quantitative Lockerung und starke Forward Guidance) und der FED (frühere Anhebung der Leitzinsen) reagieren könnten. Darüber hinaus sei ein geringerer fiskalischer Schub durch eine aggressive Reduzierung des US-Haushaltsdefizits von 3 Billionen USD - etwa 13,4% des BIP - in 2021 auf 1,2 Billionen USD in 2022 bzw. 4,7% des BIP zu erwarten. Das Congressional Budget Office erwarte ein durchschnittliches Haushaltsdefizit von 4,2% des BIP bis 2031. Das Zusammenspiel der oben genannten Bedingungen könnte dazu führen, dass der Euro/Dollar-Wechselkurs deutlich unter dem oben dargestellten Forward-Verlauf liege. Es liege auf der Hand, dass der Dollar seine Portfoliodiversifikationsvorteile in den nächsten Jahren vehement verteidigen und seinen Status als sicherer Hafen und Reservewährung für globale Anleger festigen werde. (Ausgabe vom 15.07.2021) (16.07.2021/alc/a/a)