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EZB: Neue geldpolitische Ausrichtung


12.07.21 09:00
Raiffeisen Bank International AG

Wien (www.anleihencheck.de) - Die EZB gab letzte Woche überraschend den Abschluss ihrer 18-monatigen strategischen Evaluierung bekannt, so die Analysten der Raiffeisen Bank International AG (RBI).

Die neue geldpolitische Ausrichtung, welche bereits ab der nächsten Zinssitzung am 22. Juli 2021 implementiert werde, umfasse die folgenden Eckpunkte. Erstens werde ein symmetrisches Inflationsziel von 2% verfolgt, im Unterschied zu der bisherigen Formulierung von "unter aber nahe bei 2%". Zweitens würden die bislang als unkonventionell geltenden geldpolitischen Instrumente der Forward-Guidance, Anleihenkäufe und langfristigen Refinanzierungsgeschäfte nun auch offiziell in den regulären Maßnahmenkatalog mit aufgenommen. Die Leitzinsen würden aber weiterhin das primäre geldpolitische Steuerungsinstrument darstellen. Drittens werde empfohlen den harmonisierten Verbraucherpreisindex (HVPI), um die Kosten des selbst benutzten Wohneigentums zu erweitern. Bis dies erfolgt sei, werde die EZB erste Schätzungen dieser neuen Inflationskomponente in ihren geldpolitischen Entscheidungen bereits berücksichtigen. Letztens habe die EZB einen Aktionsplan beschlossen, um Agenden des Klimawandels zukünftig in der Geldpolitik systematisch abbilden zu können.

Die US-Notenbank Federal Reserve habe letzte Woche das Protokoll der Juni-Zinssitzung veröffentlicht. Die Mitglieder des Offenmarktausschusses hätten sich unsicher in ihrer Beurteilung der jüngsten Inflationsdaten gezeigt. So sehe eine große Mehrheit der Mitglieder den Inflationsausblick mit Aufwärtsrisiken behaftet, da Engpässe auf Produkt- und Arbeitsmärkten länger andauern könnten als bisher gedacht. Welche Auswirkungen dies auf den erwarteten Leitzinspfad habe, sehe man im Offenmarktausschuss durchaus unterschiedlich. Einerseits hätten wenige Mitglieder bemerkt, dass die Voraussetzungen für eine erste Leitzinsanhebung nun bereits früher erreicht werden könnten. Andererseits hätten einige Mitglieder betont, dass die Unsicherheit derzeit noch zu groß sei, um stichhaltige Schlussfolgerungen zu ziehen. Hinsichtlich, der Reduktion der Anleihekäufe (Tapering) zeige sich ein ähnliches Bild zwischen jenen Mitgliedern, welche ein beginnendes Tapering nun bereits früher erwarten würden und jenen welche eine abwartende Haltung einnähmen und ihre Einschätzung lieber auf Basis der Datenlage der nächsten Monate geben würden.

In Summe zeige das Protokoll der Federal Reserve keine wesentlichen Überraschungen, sondern die zu erwartenden leicht hawkishen Tendenzen einiger Mitglieder, welche aber, wie es scheine, nicht die Mehrheit darstellen würden.

Am Rentenmarkt sei der Juli 2021 bislang mit sinkenden Benchmark-Renditen in Verbindung zu setzen. 10-jährige Bund-/Treasury-Renditen seien unter -0,3%/1,4% gefallen und lägen damit unter den Stützpunkten des zweiten Quartals. Insbesondere am Tag der Veröffentlichung des ISM-Index für das Nicht-Verarbeitende Gewerbe, welcher trotz des hohen Niveaus negativ überrascht habe, habe der Renditeabwärtsdruck an Dynamik gewonnen. Der Schluss liege demnach nahe, dass die sinkenden Renditen mit Sorgen um die konjunkturdämpfenden Effekte der Engpässe auf den Produkt- und Arbeitsmärkten in Verbindung stünden. Bremse dies die Erholungsdynamik, so würde sich auch der Beginn des Taperings der Federal Reserve verzögern und die Positionierung des Marktes früher Leitzinserhöhungen infrage stellen. Auch andere Märkte würden in Richtung Risk-Off mit Aufwertungen bei Sichere-Hafen-Währungen (CHF und JPY), steigenden Volatilitätsindices (VIX, MOVE) und Rückschlägen an den Aktienmärkten deuten. (Ausgabe vom 09.07.2021) (12.07.2021/alc/a/a)