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EZB: Mutige Tauben gesucht


02.06.17 12:45
Helaba

Frankfurt (www.anleihencheck.de) - Bei der in Estland stattfindenden Sitzung des EZB-Rats ist trotz des deutlichen Teuerungsrückgangs im Mai mit einer intensiven Diskussion zu rechnen, so die Analysten der Helaba.

Flankiert werde diese durch die neuen makroökonomischen Projektionen. Die Wahrscheinlichkeit, dass die bisherigen Erwartungen für die Inflation aufgehen würden, sei dabei vermutlich leicht geschrumpft. Dies gelte ebenfalls für die Kernrate. Diese habe mit 0,9% zuletzt auf dem gleichen Niveau wie zu Jahresbeginn notiert. Anders liege der Fall beim Wirtschaftswachstum. Das erste Quartal habe überzeugt - selbst Italien habe zuletzt positiv überrascht. Die Stimmung bei Unternehmen und Verbrauchern sei insgesamt als gut bis sehr gut zu bewerten. Daher sollte zumindest die Formulierung, dass die konjunkturellen Abwärtsrisiken überwögen, aus dem EZB-Protokoll herausfallen.

Damit ergäbe sich auch Spielraum für Korrekturen an der gegenwärtig noch herrschenden Forward Guidance des EZB-Rats. Die Formulierung, dass die Leitzinsen für längere Zeit auf dem aktuellen oder einem niedrigeren Niveau bleiben würden, stehe schon seit längerem auf dem Prüfstand. Der Zeitpunkt für einen vorsichtigen verbalen Schwenk weg vom Thema Zinssenkung sei günstig. Draghi würde seinen Kritikern entgegenkommen und die Tauben im EZB-Rat dem Verdacht entgegenwirken, eine dogmatische Geldpolitik zu verfolgen.

EZB-Chefvolkswirt Praet und EZB-Vize Constancio würden aber offenbar versuchen, bis zuletzt die Reihen in dieser Frage geschlossen zu halten, um nicht aus ihrer Sicht verfrühte Signale zu senden. Vielleicht spiele in diesem Zusammenhang auch die jüngste Euro-Aufwertung eine Rolle. Wünschenswert wäre, dass Bundesbankpräsident Jens Weidmann mit seinen Warnungen vor den Risiken der ultralockeren Geldpolitik in Tallinn mehr Beistand finde. Unterstützung werde er möglicherweise vom Gastgeber, dem estnischen Notenbankchef Ardo Hansson, erhalten. Die baltischen und osteuropäischen Notenbankpräsidenten seien überwiegend dem Lager der geldpolitischen Falken zuzuordnen.

Das Bias auf weiter fallende Leitzinsen könne zwar von Mario Draghi mit dem Hinweis auf die jüngsten Inflationszahlen relativ einfach verteidigt werden. Das Dauerargument einer zu niedrigen Inflation nutze sich jedoch allmählich ab. Wie kräftig müsse eigentlich die Euro-Wirtschaft wachsen, damit die EZB ihr Mandat erfüllen könne? Wobei in diesem Zusammenhang die vom österreichischen Notenbankgouverneur Ewald Nowotny zu recht gestellte Frage im Raum stehe, ob das 2% Inflationsziel, das die EZB vor vielen Jahren als Orientierungswert eingeführt habe, überhaupt realistisch sei. (02.06.2017/alc/a/a)