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EZB: Geisterstunde


04.06.21 16:54
Helaba

Frankfurt (www.anleihencheck.de) - Das Inflationsgespenst geht um und setzt die EZB unter Druck, so die Analysten der Helaba.

Für viele im EZB-Rat stehe indes wohl außer Frage, dass der geldpolitische Kurs auf absehbare Zeit gehalten werde.

Die Inflationsrate im Euroraum sei im Mai auf 2% gestiegen, in Deutschland sogar auf 2,5%. Aus geldpolitischer Perspektive würden sich zwei unterschiedliche Sichtweisen ergeben: Einerseits sei es gut, dass das Inflationsziel erreicht worden sei und damit das Deflationsgespenst hoffentlich endgültig in der Mottenkiste verschwinde. Andererseits, so würden einige befürchten, könnte gerade erst der Inflationsspuk losgehen und nachhaltig wirken. Unabhängig von der besonderen Angebots-Nachfrage-Konstellation durch die Pandemie laufe angesichts der Kombination aus massiv ausgeweiteten Notenbank-Bilanzsummen und spürbar steigender Staatsverschuldung nicht nur schwäbischen Hausfrauen derzeit ein kalter Schauer über den Rücken.

Wenn der EZB-Rat am 10. Juni zusammenkomme, dürfte das Thema Inflation ganz oben auf seiner Agenda stehen. Wobei weniger die Überlegungen eine Rolle spielen dürften, wie man die Inflationsrisiken eindämme, sondern vielmehr, wie man die aktuell sehr lockere Geldpolitik legitimiere. Ausgangspunkt der Argumentation werde wohl das Eingeständnis sein, dass die Inflationsprognosen der EZB für 2021/2022 mit 1,2% bzw. 1,4% bislang viel zu niedrig gewesen seien. Die quartalsmäßige Anpassung dürfte daher zwar deutlich ausfallen. Allerdings sei nicht damit zu rechnen, dass kritische Niveaus von über 2% ausgewiesen würden.

Daraus werde dann vermutlich abgeleitet, dass ein veränderter geldpolitischer Kurs angesichts immer noch hoher Pandemie-Unsicherheiten und zahlreicher Sondereffekte bei der Teuerungsentwicklung nicht notwendig sei. Zudem dürfte auf die mit 0,9% immer noch recht niedrige Kernrate ohne die volatilen Energiepreise verwiesen werden. Bei der beliebten Frage-Antwortrunde mit den Pressevertretern werde es für EZB-Präsidentin Lagarde vor allem darauf ankommen, die oben beschriebene positive Interpretation des Inflationsanstiegs zu vermitteln.

Im Hintergrund dürften die südeuropäischen Mitglieder im EZB-Rat Druck machen. Der italienische Notenbankchef habe angekündigt, dass ungerechtfertigte Anstiege der Kapitalmarktzinsen von der EZB gekontert würden. Dabei solle das Kaufprogramm im vollen Ausmaß genutzt werden. Zuletzt habe Ignazio Visco aber wieder ruhig schlafen können. Die Renditen 10-jähriger italienischer Staatsanleihen, Mitte Mai noch bei über 1%, seien zuletzt wieder auf 0,8% und damit deutlich stärker als bei Bunds gesunken. Zudem notiere die Rendite in Italien erstmals seit 40 Jahren über der Inflationsrate.

Die Zielfunktion vieler Mitglieder des EZB-Rats sei nicht schwer zu erraten: Nichts solle die derzeit anlaufenden schuldenfinanzierten Investitionsprogramme gefährden. Dieses gewaltige Sanierungsprojekt der krisengeplagten Volkswirtschaften im Euroraum sei vermutlich entscheidend für die langfristige Stabilisierung der Währungsunion. Wieso sollte die EZB, die wie kaum eine andere Institution ein existenzielles Interesse am Fortbestand des Euro habe, ein am nordeuropäischen Horizont erscheinendes und aus der Sicht vieler ihrer Notenbanker eher harmloses Inflationsgespenst bekämpfen? (04.06.2021/alc/a/a)