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EZB: Bevorstehende Zinssitzung in neuem Licht


19.07.21 10:26
Raiffeisen Bank International AG

Wien (www.anleihencheck.de) - Der Abschluss der strategischen Evaluierung der EZB rückt die bevorstehende Zinssitzung in ein neues Licht, so die Analysten der Raiffeisen Bank International AG.

Nachdem die erhöhten Anleihekäufe im Rahmen des Anleihekaufprogramms PEPP im Juni bestätigt worden seien, habe die Juli-Zinssitzung als Non-Event gegolten, bevor es im September wieder spannend werden sollte. Nun blicke man aber nächsten Donnerstag sehr gespannt nach Frankfurt, denn EZB-Präsidentin Lagarde habe im Juli bereits verkündet, die ersten Weichen zur Implementierung der neuen Strategie zu stellen. Der EZB-Rat werde über eine Anpassung der Forward Guidance beraten, wie die EZB-Chefin in einem Interview mit der Financial Times (EN) verraten habe.

Insbesondere solle hierbei klarer kommuniziert werden, dass keine voreilige Straffung der Geldpolitik in Aussicht steht und im aktuellen Umfeld (gedämpfter Inflationsausblick bei Leitzinsen an der effektiven Untergrenze) die Geldpolitik besonders kräftig oder beständig ausfallen müsse, um die Inflation an das neu definierte symmetrische Inflationsziel von 2% heranzuführen. Während das aktuelle Ausmaß des geldpolitischen Impulses wohl als ausreichend gesehen werde, scheine das Attribut der Beständigkeit noch nicht hinlänglich in der Forward Guidance der EZB reflektiert zu sein. Den Markt-Diskussionen um ein bevorstehendes Tapering der Anleihekäufe und dem kolportierten Ende des PEPP im März 2022 solle damit wohl Wind aus den Segeln genommen werden.

Der Fokus könnte aber erstmals auf der mittelfristigen Perspektive liegen, um eine lange Phase günstiger Finanzierungsbedingungen klarer in Aussicht zu stellen. Auch in Hinblick auf die bevorstehenden Anstiege der Kerninflation, welche die Analysten Ende Q3'21 bei 2% p.a. erwarten würden, werde die Betonung der Symmetrie des Inflationsziels nicht zu kurz kommen. Wie weitgehend die Änderungen bereits nächste Woche ausfallen würden, werde aber wohl auch vom politischen Konsensfindungsprozess innerhalb des EZB-Rats abhängen.

Die Stoßrichtung deute aber auf kein abruptes Ende der akkommodativen Geldpolitik hin, sondern bestätige vielmehr die Erwartungshaltung einer sehr graduellen Normalisierung bei gleichzeitiger Verbesserung des Inflationsausblicks. Die Analysten würden somit keine Erhöhung der Leitzinsen in den nächsten Jahren erwarten, sondern diesen Schritt erst für 2024/2025 prognostizieren.

Abseits der Strategie zur Geldpolitik habe die EZB auch beim Digitalen Euro Fortschritte gemacht und nun den nächsten Schritt initiiert: eine 24-monatige Untersuchungsphase mit dem Ziel Use-Cases zu überprüfen, notwendige Änderungen im gesetzlichen Rahmen zu identifizieren und die möglichen Marktauswirkungen zu bewertet. Der erste Wurf des Digitalen Euro werde aller Voraussicht in vielerlei Dimensionen (technisch gesehen und in Bezug auf Halterlimits) weniger disruptiv sein als oftmals befürchtet.

Derzeit sei nicht klar absehbar, ob die EZB sich mit dem Digitalen Euro - trotz aller verständlicher politischer Ambitionen - gegenüber privatwirtschaftlichen Dienstleistern im Zahlungsverkehrsmarkt werde durchsetzen können. Um dem Digitalen Euro zum Durchbruch zu verhelfen, werde es nach Erachten der Analysten darauf ankommen, die Halterlimits graduell und umsichtig auszubauen sowie zugleich permanent an technologischen Neuerungen zu arbeiten. (Ausgabe vom 16.07.2021) (19.07.2021/alc/a/a)