ETHENEA: Steigende Löhne könnten Inflation treiben


04.12.17 12:45
ETHENEA

Munsbach (www.anleihencheck.de) - Ob die Inflation zurück kommt oder nicht ist derzeit die zentrale Frage für Geldpolitiker wie Investoren, so die Experten von ETHENEA.

"Die Inflation weltweit ist niedrig", sage Yves Longchamp, Head of Research bei ETHENEA. "Gründe dafür sind technologische Innovationen sowie die Globalisierung und die geringe Lohninflation, selbst in Ländern mit hohen Beschäftigungsraten." Vor diesem Hintergrund habe die Europäische Zentralbank (EZB) kürzlich angekündigt, ihre expansive Geldpolitik einzuschränken, gleichzeitig die Leitzinsen aber nicht anzuheben.

"Die US-amerikanische Zentralbank Federal Reserve (FED) folgt einem anderen Ansatz. Sie erhöht die Zinssätze und reduziert aktiv ihre Bilanzsumme", sage Longchamp. "Angesichts der unterschiedlichen Herangehensweisen beider Zentralbanken sehen Investoren sich mit der Frage konfrontiert, ob Investments in Anleihen oder aber in Aktien die bessere Wahl sind. Unserer Einschätzung nach sind hier die Inflation und ihre zu erwartende Entwicklung entscheidende Faktoren."

Die Inflation sei essentiell für geldpolitische Entscheidungen. So habe sich die EZB entschieden, ihren Kurs nur minimal zu ändern. "Obwohl die Wirtschaft der Eurozone solide mit zwei Prozent wächst, die Weltwirtschaft sich erholt und die Arbeitslosigkeit in nahezu allen EU-Mitgliedsstaaten stark abnimmt, bleibt die Geldpolitik großzügig", sage Longchamp. Zwar werde die EZB Anfang 2018 ihre Ankäufe von Vermögenswerten halbieren, ein Ende der geldpolitischen Ausnahmemaßnahmen sei jedoch nicht in Sicht und eine Erhöhung der Leitzinsen sei in jedem Falle frühestens Ende 2019 zu erwarten. "Die Begründung für dieses vorsichtige Vorgehen lautet: Inflation", sage Longchamp.

"Die Zentralbanken nutzen zwei Inflationsmaße, die Gesamtinflation und die Kerninflation. Erstere bildet die Preisentwicklung insgesamt ab, während die Kerninflation gewisse Gütergruppen nicht berücksichtigt." Da die Preise der Sektoren Energie, Nahrungsmittel, Alkohol und Tabak zu starken Schwankungen neigen würden, würden sie bei der Kerninflation ausgeschlossen, damit sie den zugrundeliegenden Preistrend nicht überdecken würden. Die FED nutze hauptsächlich die Kern-, die EZB die Gesamtinflation, ergänzt durch die Messgröße der Kerninflation. Die EZB begründe ihre weiterhin unterstützende Geldpolitik damit, dass die Kerninflation noch weiter steigen und dadurch die mittelfristige Entwicklung auch der Gesamtinflation unterstützen müsste.

Bei der Kerninflation werde besonders die Preisentwicklung von Dienstleistungen, weniger die von Gütern berücksichtigt. "Im Vergleich zu Gütern und Waren werden Dienstleistungen deutlich häufiger lokal produziert", sage Yves Longchamp. "Viele Produkte werden im Ausland gefertigt, Dienstleistungen entstehen dagegen öfter national. Dabei wird der Begriff sehr weit gefasst und sowohl der Friseur- als auch der Hotelbesuch als Ausgaben für Dienstleistungen verstanden." Die Kostenstruktur all dieser Angebote von der Beratung bis hin zu handwerklichen Leistungen, sei in der Regel bestimmt durch lokale Löhne und Mieten. "Wir können daher eine Korrelation zwischen Lohn- und Dienstleistungsinflation sowohl in den USA als auch in der Eurozone beobachten."

Die Beschäftigungsraten seien dabei relativ hoch, trotzdem, so die FED, sei nur ein geringer Anstieg der Löhne zu verzeichnen. In der Eurozone seien laut der EZB die Löhne zwar etwas gestiegen, der inländische Kostendruck bliebe aber insgesamt verhalten. "Vor diesem Hintergrund haben es die Zentralbanken nicht eilig, die Geldpolitik zu straffen, eine Normalisierung ist daher angebracht." Jedoch, und das sei das Grundproblem der Notenbanker und Investoren, sei die Beziehung zwischen Löhnen und Arbeitslosenraten bestenfalls instabil.

"Seit der Finanzkrise ist der Zusammenhang zwischen Lohninflation und Arbeitslosigkeit nur schwach ausgeprägt", sage Longchamp. Die Arbeitslosigkeit in den USA liege lediglich bei knapp über vier Prozent und damit noch unter dem Tiefststand von 4,4 Prozent aus dem Jahr 2007, kurz vor Beginn der Krise. "Trotz ähnlicher Engpässe auf dem Arbeitsmarkt steigen die Löhne derzeit jedoch nur um 2,5 Prozent gegenüber 4 Prozent 2007." Ein Hauptunterschied zwischen diesen beiden Zeiträumen sei die zunehmende Anzahl neuer Arbeitskräfte aufgrund der Globalisierung.

"Sowohl in den USA als auch in der Eurozone beobachten wir eine kontinuierliche Verbesserung des Arbeitsmarktes und eine minimale Beschleunigung der Lohninflation", sage Longchamp. "Der globale Konjunkturzyklus verläuft gut und Frühindikatoren deuten auf weiteres Wachstum hin. Sollte sich dies als richtig erweisen, dürfte sich die Arbeitskräftenachfrage weiter verstärken und die Lohninflation etwas an Dynamik gewinnen." Laut Prognosen der EZB und der FED sollte die Inflation in der Eurozone und in den USA 2019 1,5 Prozent, respektive 2,0 Prozent erreichen und damit nicht weit von den gesteckten Zielen entfernt sein. "Vor diesem Hintergrund ist eine deutliche Lohninflation eventuell nicht erforderlich, um die Inflationsprognosen der Zentralbanken über ihre Zielvorgaben zu treiben. Daher bevorzugen wir aktuell Aktien gegenüber festverzinslichen Wertpapieren." (04.12.2017/alc/a/a)





hier klicken zur Chartansicht

Aktuelle Kursinformationen mehr >
Kurs Vortag Veränderung Datum/Zeit
1,80 % 1,60 % 0,20 % +12,50% 28.11./17:30
 
ISIN WKN Jahreshoch Jahrestief
2,00 % 1,50 %