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Dezidierte Kurswende der FED


14.01.22 08:45
Hamburg Commercial Bank

Hamburg (www.anleihencheck.de) - Die US-Notenbank lässt keinen Zweifel daran, dass ihr vorrangiges Ziel die Inflationsbekämpfung ist, so Dr. Cyrus de la Rubia, Chefvolkswirt der Hamburg Commercial Bank.

"Fünf Prozent Preisanstieg sind leichter zu ertragen als fünf Prozent Arbeitslosigkeit." So habe sich 1972 der damalige Finanzminister Helmut Schmidt im Wahlkampf geäußert. Hintergrund sei die Diskussion gewesen, ob die Bundesbank angesichts einer Inflation von 6% den Diskont-Satz anheben sollte.

FED-Präsident Jerome Powell habe man jahrelang dieser Richtung zurechnen können: Erst komme das Beschäftigungsziel, die Inflation sei nachrangig. Davon habe sich Powell nunmehr dezidiert verabschiedet, als er am 11. Januar vor dem Bankenkomitee des Senats anlässlich seiner Wiedernominierung für die Spitzenposition der US-Notenbank die Inflation als Gefahr für das Vollbeschäftigungsziel bezeichnet und dies in verschiedenen Varianten im Laufe der zwei Stunden dauernden Anhörung mehrfach wiederholt habe. Wörtlich habe er gesagt: "Hohe Inflation bedroht in schwerwiegender Weise das Ziel einer maximalen Beschäftigung." Weiter habe Powell argumentiert: "Es ist Zeit, sich von der pandemiegetriebenen Geldpolitik in Richtung eines normalen Settings zu bewegen, (...) (und) das dürfte keinen negativen Effekt auf den Arbeitsmarkt haben."

Und um keinen Zweifel an der Entschlossenheit der FED zu wecken, habe der Notenbankchef betont, dass man in diesem Jahr nicht nur den Leitzins anheben, sondern wohl auch mit der Reduktion der Bilanzsumme starten werde. Mit dem damit einhergehenden Verkauf von Anleihen werde die FED nicht so lange warten wie das beim letzten Mal der Fall gewesen sei - damals habe man nach dem Ende der Nettoanleiheankäufe im Jahr 2014 über drei Jahre gewartet, bis man es gewagt habe, den Anleihebestand zu reduzieren. Außerdem werde der Abbau schneller stattfinden.

Wie gefährlich sei dieser Kurswechsel? Mit der Gegenfrage: Wie gefährlich wäre es, diesen Kurswechsel nicht zu vollziehen, sei die erste Frage nur teilweise beantwortet. Denn natürlich sei die Straffung der Geldpolitik mit Risiken behaftet. Seit Ende 2008 habe der Leitzins der USA die meiste Zeit bei 0 bis 0,25% mit einem kurzen Zwischenhoch von zweieinhalb Jahren gelegen, als der Leitzins allmählich auf 2,5% hochgesetzt worden sei. In diesem Zeitraum habe die FED durch ihre mehrjährigen Anleiheankäufe die Renditen niedrig gehalten, sodass diese kaum mal über 2,5% gestiegen seien - der 40-Jahresdurchschnitt liege bei 5,5%. Mit anderen Worten: Die Investoren hätten sich an das extrem niedrige Zinsniveau gewöhnt, die Immobilienpreise seien in luftige Höhen gestiegen und das gleiche gelte auch für Aktien.

Die Zuversicht, die weiterhin an den Märkten herrsche, hänge vor allem mit der Erwartung zusammen, die FED werde den Übergang zu einem höheren Zinsniveau elegant steuern. Eine Garantie gebe es dafür nicht und wenn es an den Bondmärkten doch zu einem Ausverkauf kommen sollte, könne es an den Aktienmärkten durchaus zu größeren Turbulenzen kommen, die Hauspreise könnten nachgeben und all dies hätte negative realwirtschaftliche Auswirkungen.

Sollte die FED daher lieber still halten oder bei der Straffung der geldpolitischen Zügel vorsichtiger vorgehen? Anders gefragt: Was riskiere die FED eigentlich, wenn sie eine weniger aggressive Gangart wähle? Befürworter dieses Vorgehens würden argumentieren, dass die Inflation ohnehin durch die Lieferkettenprobleme und die gestiegenen Rohstoffpreise bestimmt werde und die Geldpolitik dagegen nichts unternehmen könne. Denn Notenbanken könnten nur die Nachfrageseite beeinflussen, nicht die Angebotsseite. Das sei grundsätzlich richtig, und Powell habe dies in der Anhörung ebenfalls bestätigt. Allerdings sei es den Menschen am Ende des Tages relativ gleich, woher die Inflation komme, sie führe so oder so zu realen Einkommensverlusten. Und je länger die Inflation auf einem hohen Niveau bleibe oder gar weiter steige, desto mehr würden die Menschen darauf dringen, diesen Kaufkraftverlust mit entsprechenden Lohnerhöhungen auszugleichen.

Solange die Lohnerhöhungen im Gleichklang mit der langfristigen Produktivitätserhöhung seien, bleibe es unproblematisch. Auch könnten zeitweise überdurchschnittliche Lohnzuwächse helfen, den Konsum anzuregen und extreme Einkommensungleichverteilungen abzumildern. Irgendwann könne aber der Punkt kommen, an dem die höheren Löhne von den Unternehmen auf die Preise überwälzt würden, was wiederum die Arbeitnehmer dazu veranlasse, die Lohnforderungen erneut anzuheben. Es würde zu einer Lohn-Preis-Spirale verbunden mit starken Konjunkturausschlägen kommen.

Okay, verstanden, werde man vielleicht sagen, aber damit sei ja nicht die Frage beantwortet, was die FED gegen eine derartige Entwicklung tun könne, wenn die Inflation derzeit doch von Angebotsfaktoren bestimmt werde? Ja, Angebotsfaktoren würden eine entscheidende Rolle spielen, aber die extrem expansive Geldpolitik sorge auch dafür, dass die Nachfrageseite gestützt werde, wodurch die Lücke zwischen Angebot und Nachfrage noch zusätzlich erhöht werde. Nachfrageseitige Faktoren würden daher ebenfalls ihren Part spielen und Zinsveränderungen könnten auf die Konsum- und die Investitionsgüternachfrage eine dämpfende Wirkung ausüben und damit auch den Inflationsauftrieb bremsen. Hinzu komme, dass die Angebotsengpässe im Laufe des Jahres allmählich abnehmen sollten und der Inflationsdruck nachlasse.

Auch wenn die FED gut daran tue, die Zinsen rasch und signifikant zu erhöhen, werde die Inflation vermutlich auch in 2023 noch ihre Zielmarke von 2% deutlich überschreiten. Das sei übrigens auch in den 1970er Jahren so gewesen, als die Bundesbank entgegen dem Wunsch von Helmut Schmidt den Leitzins deutlich erhöht habe. (Ausgabe vom 13.01.2022) (14.01.2022/alc/a/a)