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Deutschland: Inflationsrate macht zum Jahresbeginn großen Sprung


22.02.21 11:30
Nord LB

Hannover (www.anleihencheck.de) - Jüngsten Zahlen des Statistischen Bundesamts zufolge konnte die Wirtschaftsleistung zum Jahresende 2020 trotz des seit Anfang November andauernden Lockdowns sogar leicht zulegen, so Christian Lips, Chefvolkswirt bei NORD/LB.

Das preis-, saison- und kalenderbereinigte BIP habe sich um 0,1% gegenüber dem Vorquartal erhöht. So habe die deutsche Wirtschaft ein erneutes Abgleiten in die Rezession - eine Double-Dip-Recession - vermeiden können. Zum Vorkrisenniveau verbleibe aber noch ein Abstand von 3,9%.

Die Resilienz der deutschen Wirtschaft sei der hohen Dynamik in der Industrie und Bauwirtschaft zu verdanken, wodurch der teils dramatische Einbruch der wirtschaftlichen Aktivität in den besonders von Kontaktbeschränkungen betroffenen Wirtschaftsbereichen habe kompensiert werden können. Hochfrequente Indikatoren würden jedoch darauf hindeuten, dass das laufende Quartal etwas schwächer verlaufen dürfte, zumal die Eindämmungsmaßnahmen weitgehend bis Ostern beibehalten werden dürften. Derzeit noch schwer einzuschätzen sei, welche Bedeutung die sich immer stärker verbreitenden Virusmutanten für Ausmaß und Tempo möglicher Lockerungen haben würden, die beim Erreichen gewisser Inzidenzschwellenwerte in Aussicht gestellt seien. Ab dem Frühjahr rechnen wir mit einer kräftigen Zunahme der wirtschaftlichen Aktivität, so die Analysten der NORD/LB. Für 2021 würden die Analysten mit einem BIP-Wachstum von 3,5%, für 2022 sogar mit einem Plus von rund 4% rechnen.

Im Februar - mitten im Lockdown - habe sich die Stimmung unter den Finanzmarktexperten überraschend weiter aufgehellt. Im Vergleich zum Vormonat hätten sich die ZEW-Konjunkturerwartungen von 61,8 auf 71,2 Saldenpunkte verbessert. Allerdings werde die aktuelle gesamtwirtschaftliche Situation, wie schon in den Vormonaten, von einem großen Teil der Befragten weiter als schlecht bezeichnet. Die Lagekomponente sei marginal auf -67,2 Saldenpunkte gesunken. Hochfrequente Indikatoren würden auf eine Kontraktion der Wirtschaftsleistung im ersten Quartal hindeuten. Die fortdauernden Eindämmungsmaßnahmen würden zusehends die gesamtwirtschaftliche Entwicklung belasten, zudem würden die zunehmenden Grenzkontrollen drohen, den Handel und auch Wertschöpfungsketten im Verarbeitenden Gewerbe zu beeinträchtigen.

Allerdings mahne die hohe Unsicherheit im Hinblick auf den Effekt der neuen Virusmutanten in den nächsten Wochen noch zu einer besonderen Vorsicht. Daher dürften die Regierungschefs der Länder und die Bundesregierung an dem harten Lockdown mehr oder weniger für den gesamten Winter festhalten. Allerdings biete der jüngste Beschluss auch erste Perspektiven für die Rücknahme einzelner Einschränkungen. Aus ökonomischer Perspektive sollten mögliche Öffnungen aber vor allem auch nachhaltig durchhaltbar sein. Trotz einiger (Start-)Probleme würden die Hoffnungen der Finanzmarktakteure weiter klar auf einem Erfolg der Impfkampagnen ruhen.

Ein deutlicher Sprung der Inflationsrate zum Jahresanfang 2021 sei zu erwarten gewesen, das Ausmaß habe allerdings doch ein wenig überrascht. Bereits im Vorfeld seien viele inflationssteigernde Effekte absehbar gewesen. Hierzu sei die (weitgehende) Rückkehr zu den normalen Mehrwertsteuersätzen ebenso zu nennen wie der Effekt einer höheren Bepreisung des CO2-Ausstoßes. Die veränderten Steuersätze hätten im Dezember zu einem markanten Unterschied zwischen der "normalen" HVPI-Inflationsrate (-0,7% Y/Y) einerseits und der um Steueränderungen bereinigten Jahresrate (+1,4% Y/Y) andererseits geführt. Zwar sei wie bei der temporären Absenkung der Steuersätze Mitte des letzten Jahres nicht damit zu rechnen, dass sich dieser rein rechnerische Effekt tatsächlich auch vollständig einstelle. Dennoch erkläre dies sicher einen Gutteil des außergewöhnlichen Inflationsanstiegs im Januar.

Allerdings seien auch krisenbedingt einige Sonderfaktoren zu berücksichtigen. Der entscheidende Faktor dürfte hierbei die Umstellung auf das neue Wägungsschema sein. Zwar finde jährlich eine Anpassung des Warenkorbs an die Konsumgewohnheiten statt, bei der jüngsten Anpassung sei jedoch der Konsum im Krisenjahr 2020 (t-1 statt t-2) zu Grund gelegt worden. Dies habe nicht nur eine größere Unsicherheit wegen noch unvollständiger Statistiken für 2020 zur Folge, was die Preisdaten revisionsanfälliger mache. Auch das Saisonmuster dürfte sich verschieben, da auch die Gewichte von Komponenten mit starker Saisonalität (z.B. Pauschalreisen) starken Veränderungen unterlegen hätten.

Von besonderer Relevanz für die ausgewiesene Inflationshöhe sei aber, dass nunmehr Güter, die pandemiebedingt 2020 deutlich stärker nachgefragt worden seien, höher gewichtet würden. Zumindest im Januar habe die Veränderung der Gewichte sicher inflationssteigernd gewirkt. Hierauf deute der starke Unterschied zwischen dem Anstieg der HVPI-Inflationsrate (+2,3 Prozentpunkte) und dem Anstieg der Jahresrate des nationalen VPI (+1,3 Prozentpunkte). Tendenziell sei diese konstruktionsbedingte (Laspeyres-Indices) leichte Überzeichnung der tatsächlichen Inflation normal. Durch die starken Verschiebungen des Konsumverhaltens bzw. der Konsummöglichkeiten in der Pandemie 2020 falle dieser Effekt jedoch stärker als üblich aus.

Nicht nur an den Finanzmärkten sei nun die weitere Preisentwicklung von besonderem Interesse. Laut ZEW-Finanzmarkttest hätten im Februar die befragten Finanzexperten fast einhellig (+73,5 Saldenpunkte) eine auf Sicht von sechs Monaten steigende Inflationsrate in Deutschland erwartet. Alles andere wäre aber auch verwunderlich: Die Jahresrate der Verbraucherpreise werde im zweiten Halbjahr durch den Effekt der unterschiedlichen MWSt-Sätze in 2021 und 2020 für sechs Monate zusätzlich erheblich nach oben verzerrt. In Deutschland seien so zeitweise Inflationsraten im Bereich von gut 3% Y/Y wahrscheinlich. Anfang 2022 würden die Raten wieder deutlich zurückfallen. (Ausgabe März 2021) (22.02.2021/alc/a/a)