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China senkt die Zinsen um fünf Basispunkte - aber reicht das?


08.11.19 09:00
LYNX Broker

Berlin (www.anleihencheck.de) - "China hat den Marschbefehl, die Wirtschaft in den Jahren zwischen 2010 und 2020 zu verdoppeln. Dafür müsste sie in diesem Jahr um mindestens 6,2 Prozent wachsen. Im Moment könnte das allerdings schwer werden. Im dritten Quartal waren es nur noch sechs Prozent Zuwachs und zu dem Zeitpunkt waren die Auswirkungen der neuen Strafzölle vom September noch nicht voll zu spüren. Es steht also zu befürchten, dass die sechs Prozent im vierten Quartal nicht erreicht werden", so die Experten von LYNX Broker.

Zentralbanken weltweit würden die Zinsen senken, um der schwächelnden Wirtschaft auf die Sprünge zu helfen. Ein Absprung aus der Politik des Quantitative Easing scheine nicht in Sicht. Nun greife auch China zu diesem Strohhalm, wenn auch (noch) nicht im gleichen Maße wie die USA oder gar Europa. Die People's Bank of China (PBoC) habe in dieser Woche in einem ersten Schritt erstmals seit 2016 die mittelfristigen Kreditfazilitäten (MLF), also die Zinssätze für mittelfristige Kredite für Banken mit einem Jahr Laufzeit, um fünf Basispunkte von 3,30 auf 3,25 Prozent gesenkt.

"Auf diese Art konnte die chinesische Zentralbank rund 400 Milliarden Yuan in Form von MLF-Krediten in den Markt pumpen und auslaufende Kredite in Höhe von etwa 403,5 Milliarden Yuan de facto verlängern", erkläre Sascha Sadowski, Marktexperte vom Online-Broker LYNX. "So versucht die PBoC das Schuldenproblem im Land in den Griff zu kriegen, das wie ein Damoklesschwert über dem Wirtschaftswachstum des Landes hängt. Mit der Senkung des MLF-Zinssatzes sollen die Banken ihren Kunden ihrerseits ebenfalls günstigere Kredite anbieten und damit die Kreditnehmer zu günstigeren Konditionen umschulden. Außerdem soll der Konsum durch günstige kurzfristige Kredite angekurbelt werden."

Tatsächlich sei der Loan-Prime-Zinssatz (LPR), also der Zinssatz, den 18 ausgewählte chinesische Banken ihren besten Kunden anbieten würden, in den vergangenen zwei Monaten bereits um 11 Basispunkte gesunken und es werde ein weiterer Rückgang am 20. November erwartet, wenn er erstmals nach der Senkung des MLF-Zinses neu berechnet werde. "Der LPR ist deshalb so wichtig, weil er als Referenzpunkt für andere Kredite dient. Wenn er sinkt, werden Kredite in China günstiger. Ob allerdings die Senkung des MLF-Zinssatzes um lediglich fünf Basispunkte ausreicht, um die durchaus ambitionierten Wachstumsziele der chinesischen Regierung zu erfüllen, darf bezweifelt werden. In den kommenden Monaten dürfte die PBoC hier weiter nachlegen", vermute Sadowski.

Trotzdem sehe der Marktexperte diesen Schritt als klares Zeichen dafür, dass die Wachstumsaussichten für Chinas Wirtschaft sich durch den Handelskrieg weiter eingetrübt hätten. Auch das neue, zwei Billionen teure Steuerprogramm des Finanzministeriums spreche die gleiche Sprache.

"China hat den Marschbefehl, die Wirtschaft in den Jahren zwischen 2010 und 2020 zu verdoppeln. Dafür müsste sie in diesem Jahr um mindestens 6,2 Prozent wachsen. Im Moment könnte das allerdings schwer werden. Im dritten Quartal waren es nur noch sechs Prozent Zuwachs und zu dem Zeitpunkt waren die Auswirkungen der neuen Strafzölle vom September noch nicht voll zu spüren. Es steht also zu befürchten, dass die sechs Prozent im vierten Quartal nicht erreicht werden. Da sich die Regierung kaum ein weiteres Steuerprogramm in dieser Größenordnung leisten kann, muss man davon ausgehen, dass die PBoC in den kommenden Monaten und Jahren weitere Finanzspritzen in die Wirtschaft pumpt - und damit auf den weltweiten Trend der lockeren Geldpolitik aufspringt", fasse Sadowski die Situation zusammen. (08.11.2019/alc/a/a)