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Chile: Steigende Inflation stellt eine Gefahr für die hart erarbeitete Glaubwürdigkeit der Zentralbank dar


12.10.21 11:00
DekaBank

Frankfurt (www.anleihencheck.de) - Am 21. November finden die Parlaments- und Präsidentschaftswahlen in Chile statt, berichten die Analysten der DekaBank.

In den Umfragen führe der linksgerichtete Kandidat Gabriel Boric mit 22% der Stimmen. Er habe einen deutlichen Vorsprung vor den nächstgelegenen Kandidaten. Allerdings sei etwa die Hälfte der Wähler noch unentschlossen. Auch wenn er noch weiter zulegen sollte, sei es unwahrscheinlich, dass er eine absolute Mehrheit erreiche, was eine Stichwahl am 19. Dezember notwendig machen dürfte. Die Analysten der DekaBank rechnen zudem mit einem fragmentierten Parlament. Die konservative Regierungskoalition leide unter der geringen Popularität des Präsidenten Sebastian Piñera, dem eine schlechte Strategie zur Bekämpfung der Corona-Pandemie vorgeworfen werde. Eine weitere Belastung sei diese Woche hinzugekommen, als der Präsident in den Pandora-Papers genannt worden sei.

In den kommenden sechs Wochen würden hitzige Diskussionen erwartet. Ebenso hitzig verlaufe es im Moment in der Wirtschaft: Das Parlament sei gerade dabei, gegen die Warnungen der Regierung und der Zentralbank die vierte Abhebung aus den privaten Rentenkonten zu ermöglichen. Neben der späten aber erfolgreichen Impfkampagne - aktuell mit 75% vollgeimpft erfolgreicher als Europa - seien es diese Finanzspritzen gewesen, die die Wiederbelebung der Wirtschaft gestattet hätten. Jetzt scheine es aber zu viel des Guten zu sein, denn es gebe deutliche Anzeichen einer Überhitzung der Wirtschaft. Zwar dürfte die chilenische Wirtschaft in diesem Jahr eine fast zweistellige Wachstumsrate erreichen und die Verluste des Vorjahrs mehr als wettmachen, aber die Inflation steige ebenfalls sehr stark an. Zudem gebe es Anzeichen, dass die Möglichkeit, Gelder aus den Rentenkonten zu entnehmen, zu Verwerfungen am Arbeitsmarkt führe.

Die steigende Inflation stelle eine Gefahr für die hart erarbeitete Glaubwürdigkeit der Zentralbank dar, sodass diese bereits im Juli mit einer ersten Leitzinsanhebung um 25 Bp auf 0,75% reagiert habe. Anfang September sei sogar eine Beschleunigung der Straffung um 75 Bp auf 1,50% gefolgt. Die Währungshüter hätten zudem deutlich gemacht, dass sie keine Inflationsphantasien hätten erlauben wollen, sodass sie in den kommenden Monaten mit unverminderter Stärke weitermachen dürften. Ziel für den Leitzins bis Mitte nächsten Jahres liegt aus unserer Sicht jenseits der 4%-Marke, so die Analysten der DekaBank.

Chile dürfte in den kommenden Jahren die gewohnte stabilitätsorientierte Politik der vergangenen Jahrzehnte beibehalten, mit einer starken Betonung auf der Geldwertstabilität und soliden Staatsfinanzen, allerdings erwarten die Analysten der DekaBank nach den starken Protesten und unter der neuen Verfassung eine Erhöhung der Sozialausgaben. Nach Jahren eines BIP-Wachstums mit Raten von über 5% (bis 2012) und der Schwächephase 2016-2017 dürfte sich das Wachstum nach dem Covid-19-bedingten Konjunktureinbruch 2020 in den kommenden Jahren zwischen 3% und 4% einpendeln. Für die offene, exportorientierte und stark auf Bergbau ausgerichtete Wirtschaft seien der Kupferpreis und die Nachfrage aus China bestimmende externe Faktoren. Der Ausgang der Wahlen im kommenden Monat sei offen, aber die Analysten würden eine Fortsetzung der pragmatischen Wirtschaftspolitik erwarten.

Chile verfüge über die beste Bonität Südamerikas. Das aktuelle Rating liege bei A (S&P), A1 (Moody’s) bzw. A- (Fitch). S&P habe am 24. März das Rating aufgrund der fiskalischen Verschlechterung um eine Stufe gesenkt. Bei Moody's sei der Ausblick negativ und eine Herabstufung vor Jahresende sei wahrscheinlich. Die Bonität Chiles profitiere von der relativ niedrigen öffentlichen Verschuldung, die aktuell rund 36% des BIP betrage. Problematisch für die Entwicklung der Bonität seien die anhaltenden sozialen Spannungen und die starke Rohstoffabhängigkeit. (Ausgabe vom 08.10.2021) (12.10.2021/alc/a/a)