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Chancen trotz steigender Zinsen nutzen


07.11.18 15:43
Raiffeisen Capital Management

Wien (www.anleihencheck.de) - Bei den Kongresswahlen in den USA konnten die Republikaner zwar ihre Mehrheit im Senat behaupten, doch müssen sie sich beim Rennen um das Abgeordnetenhaus den Demokraten geschlagen geben, so Ingrid Szeiler, CIO der Raiffeisen KAG.

Dies werde Trump das Regieren erschweren. Die Aussichten der Demokraten, 2020 ins Weiße Haus zu ziehen, hätten sich durch die Wahl nicht wesentlich verbessert. Für die Finanzmärkte sei der Wahlausgang wenig überraschend gewesen. Die Aktienmärkte in Europa hätten heute tendenziell etwas fester eröffnet. Es sei davon auszugehen, dass die Anleger sehr rasch wieder anderen Ereignissen und Themen ihre Aufmerksamkeit schenken würden - wozu allerdings auch die "unkonventionelle" Politik Trumps gehöre. Etwaige Unsicherheiten über große Überraschungen beim Wahlausgang seien jedenfalls wieder aus dem Markt, was von Anlegern positiv gesehen werde.

Die wichtigen Notenbanken, allen voran die FED, seien dabei, ihre Unterstützung zu verringern. Seit Monaten seien die Entwicklungen an den Finanzmärkten von diesem Einflussfaktor geprägt. Schwächere Aktienmärkte, höhere Spreads, Verwerfungen in Emerging-Markets-Assets und ein stärkerer US-Dollar seien die Entzugserscheinungen nach Jahren einer allzu expansiven Geldpolitik. Zugegeben, es gebe auch andere Themen: Brexit, Italien, Handelskrieg. Die Auswirkungen dieser politischen Einflüsse seien zweifellos vorhanden und sollten hier nicht kleingeredet werden. In den Jahren des billigen Geldes habe es aber auch immer wieder politische Querelen gegeben, die für kurzfristige Volatilität gesorgt hätten. Unter dem Strich sei die reichlich vorhandene Liquidität jedoch der wichtigere Faktor gewesen, der die Aktien- und Anleihekurse nach oben getrieben habe. Und dieser Faktor werde immer schwächer.

Also habe der US Präsident Recht, wenn er sich über den von ihm selbst ernannten Notenbankchef beklage? Ja und nein. Ja, weil ein Zinsanhebungszyklus früher oder später Spuren in der Realwirtschaft und an den Finanzmärkten hinterlasse. Nein, weil es nun einmal die Aufgabe der Notenbank sei, die Risiken für Konjunktur und Inflation in Balance zu halten. Die Konjunktur präsentiere sich in den USA aktuell bombenfest und wenn die Notenbank nicht reagiere, drohe mittelfristig eine Überhitzung.

Überdies gehe die FED ohnehin so langsam vor wie nie zuvor. Und sollte in den nächsten Jahren schließlich ein Abschwung drohen, habe die FED wenigstens wieder Munition um gegenzusteuern. Insofern seien weitere Zinsanhebungen zu erwarten, die nächste schon im Dezember. Das bedeute für die Finanzmärkte, dass die Entwicklungen selektiver würden. Die Zeit der undifferenzierten Anstiege sei vorbei. Das bedeute allerdings nicht, dass es in dieser Phase keine Chancen an den Märkten mehr geben werde. Aktuell sei eine solche Chance gekommen. Die Korrektur der letzten Wochen neige sich dem Ende zu, eine Aufstockung der Aktienquote sei angezeigt.

Während die US-Notenbank FED im September ihr Leitzins-Zielband um 25 Basispunkte auf 2,25% angehoben habe, habe die Europäische Zentralbank (EZB) Ende Oktober ihren Leitzins bei 0% belassen. Gleichzeitig habe EZB-Präsident Draghi abermals betont, dass der Leitzins über den Sommer 2019 hinaus auf dem aktuellen Niveau verharren sollte. In der Eurozone hätten sich Makrodaten zuletzt moderat schwächer präsentiert, während US-Konjunkturdaten stark ausgefallen seien. Die Experten würden bei Euro Staatsanleihen vorsichtig bleiben, weiter eine flachere US-Zinskurve erwarten und davon ausgehen, dass der Interkonti-Spread ansteige.

Im Rahmen des Abverkaufs an den Aktienmärkten seien im Oktober auch die Risikoprämien von Unternehmensanleihen gestiegen. Diese Entwicklung sei nach Meinung der Experten einer Verschlechterung der Stimmung geschuldet, die u.a. von diversen negativen Gewinnrevisionen getrieben werde. Die Experten würden innerhalb dieser Assetklasse derzeit Bankanleihen (inkl. Covered Bonds) stärker als Non-Financials bevorzugen. Innerhalb der Non-Financials würden sie vergleichsweise stark auf High Yields und Crossover-Anleihen setzen.

Der Handelskrieg zwischen den USA und China könnte sich demnächst entspannen. Denn US-Präsident Trump habe Ende Oktober bekannt gegeben, dass er mit China einen "großartigen Deal" machen möchte. Die Spirale gegenseitiger Zölle könnte damit beendet werden. Gleichzeitig habe der US-Präsident damit gedroht, dass er im Falle eines "No-Deals" praktisch alle verbleibenden chinesischen Produkte mit Zöllen belegen werde.

Die entwickelten Aktienmärkte hätten im Oktober deutliche Kursrückschläge verbuchen müssen. Ein Mix aus verschiedenen Themen (Zinsanhebungen/steigende Zinsen in den USA, schwächere Konjunkturdaten, vereinzelte Gewinnwarnungen und das Dauerthema Handelskonflikt) habe die Stimmung belastet. Kurzfristig erscheinen uns auf Basis verschiedener technischer Signale die Märkte bereits überverkauft und wir setzen daher auf eine Kurserholung in den nächsten Wochen, so die Experten von Raiffeisen Capital Management. Allerdings würden sie in der Liquiditätsrückführung der Notenbanken einen Faktor sehen, der das Aufwärtspotenzial mittelfristig beschränke.

Weiterhin sei keine Erholung bei Emerging-Markets-Aktien abzusehen. Der Handelskonflikt finde immer mehr seinen Niederschlag auch in den harten Zahlen und ziehe mit den Gewinnerwartungen die Aktienkurse nach unten. In den letzten Tagen habe sich zudem die Stimmung gegenüber US-Aktien eingetrübt. Langfristig handele es sich aufgrund der Bewertungen um eine sehr interessante Assetklasse, kurzfristig seien die Risiken nach wie vor erheblich (politische Unsicherheiten, Sentiment usw.).

Energierohstoffe und Industriemetalle hätten sich in den letzten Wochen deutlich schwächer präsentiert, während Edelmetallpreise von einer gewissen "Flucht in sichere Häfen" hätten profitieren können. Die Positionierung der Investoren sei aktuell bereits sehr negativ, kurzfristig würden die Experten aber keine klaren Signale für eine Positionierung in diesem Bereich sehen. Aufgrund einer angespannteren Angebots-/Nachfragesituation und einer attraktiveren Kurvenstruktur (backwardation) würden sie für die Assetklasse mittelfristig weiterhin eine positive Kursentwicklung sehen. (07.11.2018/alc/a/a)