Brasilien: Der Leitzinsanhebungszyklus ist fast abgeschlossen


09.05.22 10:35
DekaBank

Frankfurt (www.anleihencheck.de) - Obwohl die Inflationsrate in den vergangenen Monaten sehr stark angestiegen ist und deutlich oberhalb des Inflationsziels liegt, hat die Zentralbank auf ihrer jüngsten Sitzung daran festgehalten, ein baldiges Ende des Leitzinsanhebungszyklus in Aussicht zu stellen, so die Analysten der DekaBank.

Das geldpolitische Komitee habe den Leitzins um 100 Basispunkte auf 12,75% angehoben. In ihrer Stellungnahme habe aber das Komitee gesagt, dass es einen weiteren, wenn auch kleineren Schritt in nächster Zukunft in Erwägung ziehe. Die Analysten würden dies als einen 50-Basispunkte-Schritt bei der Sitzung im Juni verstehen, womit der Zinsanhebungszyklus abgeschlossen sein sollte. Allerdings lasse sich das Komitee auch die Tür offen für größere oder kleinere Schritte. Denn das geopolitische Umfeld sei schwierig. So sei es schwer zu prognostizieren, wie sich infolge des Angriffskriegs von Russland gegen die Ukraine die Nahrungsmittel- und Energiepreise weiter entwickeln würden.

Gleichzeitig würden die Währungshüter erhebliche Risiken einer Abschwächung der wirtschaftlichen Dynamik in Brasilien als Folge der bereits erfolgten Straffung der Geldpolitik sehen. Diese würde wiederum für einen Rückgang der Inflation sprechen. Noch zeige die Wirtschaft aber keine eindeutigen Hinweise einer deutlichen Abschwächung. Sowohl die Industrieproduktion für den März als auch die Einkaufsmanagerindices hätten positiv überrascht. Die Regierung von Präsident Bolsonaro dürfte im Vorfeld der im Oktober stattfindenden Präsidentschaftswahlen weitere Wahlgeschenke vorbereiten, um in der Wählergunst zulegen zu können, wie zuletzt Lohnanhebungen im öffentlichen Dienst. Dies dürfte die Risiken für die Inflation weiter nach oben treiben.

Ein weiteres Risiko stelle die Wechselkursvolatilität dar. Der Brasilianische Real habe seit Anfang des Jahres stark aufgewertet, zuletzt habe er aber deutliche Verluste hinnehmen müssen, nachdem sich der wirtschaftliche Ausblick des wichtigsten Handelspartners, China, als Folge der Corona-Lockdowns im März eingetrübt habe. In den kommenden Monaten sei mit einer zunehmenden politischen Polarisierung vor den Präsidentschaftswahlen mit einer stärkeren Volatilität der Währung zu rechnen. Die Regierung habe die Stärke der Währung zunächst als eine Möglichkeit der Inflationsbekämpfung gesehen. Diese Möglichkeit werde jetzt zunehmend infrage gestellt.

Die Regierung Bolsonaro habe in den vergangenen Jahren einen Reformschub gebracht. Im Wahljahr 2022 sei der Ausblick für Reformen aber trübe, weil sich die Parlamentarier auf den Wahlkampf konzentrieren würden. Der Wachstumsausblick werde aktuell durch die starke Straffung der Geldpolitik und durch die politische Unsicherheit eingetrübt. Die Rahmenbedingungen für Investitionen würden schwierig bleiben; besonders würden die überbordende Bürokratie, das komplexe Steuersystem und die schlechte Infrastruktur hemmen. Problematisch sei zudem die politische Polarisierung durch Präsident Bolsonaro.

Der Ratingtrend Brasiliens habe sich bereits seit 2014 aufgrund der Reformunfähigkeit früherer Regierungen, der Verschlechterung der fiskalischen Verfassung und des langfristigen Verlusts an Wettbewerbsfähigkeit deutlich verschlechtert. Die Regierung Bolsonaro habe zwar mit der Rentenreform einen Meilenstein gesetzt. Allerdings seien die Aussichten für weitere Reformen aufgrund der anstehenden Wahlen schlecht. Vielmehr könnte die fiskalische Lage darunter leiden. Die hohe öffentliche Verschuldung mit mehr als 80% des Bruttoinlandsprodukts sowie die geringe fiskalische Flexibilität würden die größte Belastung für die Bonität darstellen. (Ausgabe vom 06.05.2022) (09.05.2022/alc/a/a)