Brasilien: Erste Leitzinsanhebungen im Herbst nächsten Jahres erwartet


08.09.20 11:30
DekaBank

Frankfurt (www.anleihencheck.de) - Die Corona-Pandemie hat Brasilien mit großer Wucht getroffen, so Mauro Toldo von der DekaBank.

Die humanitären Folgen seien verheerend: Über vier Millionen Menschen hätten sich bisher angesteckt. Das Land verzeichne nahezu 125.000 Todesfälle. Seit Ende Juli hätten sich die Neuansteckungszahlen auf einem hohen Niveau stabilisiert und seien zuletzt gar rückläufig gewesen, allerdings würden die rund 40.000 täglichen Neuansteckungen noch keine Entwarnung möglich machen.

Trotz der verheerenden Gesundheitskrise habe die Zentralregierung bereits im Mai den Lockdown gelockert und versucht, die Wirtschaft wieder anzukurbeln, denn der wirtschaftliche Einbruch als Folge des Lockdowns sei extrem gewesen. Das brasilianische BIP sei im zweiten Quartal gegenüber dem Vorquartal um 9,7% zurückgegangen. Das BIP für das erste Quartal sei zudem nach unten revidiert worden (von -1,5% qoq auf -2,5%). Gegenüber dem Vorjahresquartal sei das BIP im zweiten Quartal um 11,4% geschrumpft.

Nach dem dramatischen Einbruch im ersten Halbjahr deute sich im dritten Quartal nun ein starker Rückprall an. Der Einkaufsmanagerindex für das Verarbeitende Gewerbe, der im April und Mai eingebrochen sei, sei bereits seit Juni im expansiven Bereich. Im Juli und August verzeichne er ein regelrechtes Feuerwerk (August: 64,7 Punkte!). Die angehende Erholung sei vor allem auf die wirtschaftlichen Hilfen der Regierung für die privaten Haushalte zurückzuführen. Deswegen verhandle die Regierung mit dem Kongress aktuell über eine Verlängerung dieser Maßnahmen bis zum Jahresende.

Gleichzeitig wolle aber die Regierung das Ziel einer Budgetkonsolidierung weiter verfolgen und habe in dem in dieser Woche veröffentlichten Budgetvorschlag für das kommende Jahr ein Budgetdefizit der Zentralregierung von lediglich 3% vorgesehen. Der Inflationsdruck dürfte trotz der erwarteten Erholung gering bleiben. Dies erhöhe den Spielraum der Zentralbank, für einen längeren Zeitraum den Leitzins auf dem historisch niedrigen Niveau von 2% unverändert zu lassen. Die Analysten der DekaBank würden erst im Herbst nächsten Jahres erste Leitzinsanhebungen erwarten.

Brasilien habe zwar bereits unter der letzten Regierung wirtschaftspolitisch den richtigen Weg eingeschlagen, allerdings diese nicht entschlossen genug vorangeschritten. Die Regierung Bolsonaro habe nun einen Reformschub gebracht. Aufgrund der fehlenden Mehrheit für Verfassungsänderungen und des polarisierenden Stils des Präsidenten bestehe aber Unsicherheit über die Fähigkeit der Regierung, weitere Reformen durchzuführen. Der Wachstumsausblick werde durch die Corona-Pandemie und die Krise im Nachbarland Argentinien belastet. Die Rahmenbedingungen für Investitionen würden schwierig bleiben; besonders würden die überbordende Bürokratie, das komplexe Steuersystem und die schlechte Infrastruktur belasten. Problematisch sei ebenfalls die politische Polarisierung durch Präsident Bolsonaro.

Der Ratingtrend Brasiliens habe sich seit 2014 aufgrund der Reformunfähigkeit früherer Regierungen, der Verschlechterung der fiskalischen Verfassung und des langfristigen Verlusts an Wettbewerbsfähigkeit deutlich verschlechtert. Die neue Regierung unter Bolsonaro habe mit der Rentenreform einen Meilenstein erreicht. Allerdings seien die Aussichten für weitere Reformen aufgrund der Spannungen zwischen Regierung und Kongress trübe. Fitch habe Anfang Mai diese Spannungen als Grund für die Veränderung des Rating-Ausblicks auf negativ angeführt. Die Verschlechterung des wirtschaftlichen Ausblicks als Folge der Corona-Pandemie belaste ebenfalls die Bonität, vor allem angesichts der steigenden Verschuldung. (Ausgabe vom 04.09.2020) (08.09.2020/alc/a/a)