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BoE: Ein Drahtseilakt an der Themse mit hohem Fallrisiko - "Inflagnation" absehbar!


05.05.22 15:30
Nord LB

Hannover (www.anleihencheck.de) - Das Monetary Policy Committee der Bank of England hat heute Mittag erwartungsgemäß einen weiteren Schritt hin zu einer Normalisierung der Ausrichtung der Geldpolitik vollzogen, so die Analysten der Nord LB.

Das Gremium habe entschieden, die Bank Rate - den maßgeblichen Leitzins der Notenbank in London - weiter um 25 Basispunkte auf damit nun 1,00% und damit das höchste Niveau seit 2009 anzuheben. Die Bank of England habe bereits im Dezember als erste wirklich "große" Notenbank das im Rahmen des Kampfes gegen die ökonomischen Belastungen durch die Coronavirus-Krise gesenkte Leitzinsniveau wieder angehoben und nun zum vierten Mal in Folge nachgelegt. Sie ziehe so wieder mit der Federal Reserve gleich, die bereits gestern Abend die FED Funds Target Rate - allerdings um deutlichere 50 Basispunkte - auf ebenfalls 1,00% angehoben habe.

Erneut sei keine Einstimmigkeit im Gremium erzielt worden. Während im Februar vier Notenbanker für eine stärkere Leitzinsanhebung und im März ein Notenbanker für ein Abwarten plädiert habe, hätten heute drei der neun Gremiumsmitglieder für eine deutlichere Zinsanhebung um 50 Basispunkte gestimmt.

Im Rahmen des bereits eingeleiteten "passiven" Quantitative Easings reduziere die Bank of England bereits ihre aufgebauten Wertpapierbestände durch den Verzicht auf die Wiederanlage fälliger Beträge. Mit der Bank Rate ab 1% wäre für sie nun ein vormals selbst gestecktes Ziel erreicht, was sie als Signal zu möglichen direkten Verkauf von Wertpapieren auffassen könne, dem "aktiven" Quantitative Tightening. Dazu habe es nur den Hinweis gegeben, eine Entscheidung im August zu liefern.

Das Inflationsumfeld habe auch die BoE unter Zugzwang gesetzt. Die bereits im Dezember eingeläutete Wende habe jedoch noch keine Wirkung gezeigt: Die Konsumentenpreise seien in Großbritannien im März um 7,0% Y/Y, die Einzelhandelspreise um 9,0% Y/Y gestiegen. Die Immobilienpreise seien im April um über 12% Y/Y in die Höhe geschossen. Die Geldpolitiker in London müssten also einer möglichen Überhitzung des britischen Immobilienmarktes begegnen. Gleiches gelte für eine befürchtete Lohn-Preis-Spirale, da auch die Stundenlöhne im letzten Arbeitsmarktbericht bereits deutlich angezogen hätten.

Der Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine verkompliziere nun auch für die BoE die notwendige rasche geldpolitische Neuausrichtung. Einerseits würden Lieferkettenengpässe und ein Energiepreisschub den Preisdruck nochmals deutlich erhöhen. Anderseits würden sich die konjunkturellen Perspektiven zeitgleich verdunkeln: Obwohl sich mit dem Auslaufen der Coronavirus-Krise eigentlich neue wirtschaftliche Impulse hätten ergeben sollen, seien im Februar und März die Einzelhandelsumsätze bereits zurückgegangen, und auch die Industrieproduktion und die Bauinvestitionen hätten im Februar jeweils Rückgänge verzeichnet.

Weitere Belastungsfaktoren seien die zuletzt deutlich gestiegenen (Hypotheken-)Zinsen, ein robustes Pfund sowie der Brexit - Stichwort Personalengpässe. Preisanstiege und Stimmungsverschlechterungen unter Verbrauchern und Unternehmen würden die konjunkturellen Perspektiven verdunkeln. Diese Problematik komme in den aktualisierten Projektionen für 2022 mit einer zu erwartenden Inflationsrate von (zwischenzeitlich) über 10% und einer konjunkturellen Stagnation zum Ausdruck. Für die BoE habe ein echter Drahtseilakt mit hohem Fallrisiko begonnen!

Die Bank of England habe die Bank Rate erwartungsgemäß auf 1,00% angehoben. Das aktuelle Inflationsumfeld setze die BoE - wie auch andere Notenbanken - unter Zugzwang. Doch der Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine verkompliziere die eigentlich (immer noch) fest angestrebte rasche geldpolitische Anpassung. Lieferkettenengpässe und ein Energiepreisschub würden zwar den Preisdruck nochmals erhöhen, doch die konjunkturellen Perspektiven würden sich zeitgleich durch eine inflationsbedingte Verringerung der Kaufkraft, die zuletzt deutlich gestiegenen Zinsen, ein starkes Pfund sowie die Nachwehen des Brexit verdüstern.

Pro und Kontra seien für die Notenbanker abzuwägen - noch überwiege der Auftrag, die Inflation mit Leitzinsanhebungen zu bändigen. Dass dies auch Nebenwirkungen wie eine konjunkturelle Dämpfung zur Folge haben dürfte, sei absehbar - aber zunächst einmal nur zweitrangig. Doch das könne sich bereits im Verlauf dieses Jahres wieder ändern! Der Drahtseilakt der BoE zwischen Inflation und Stagnation mit ungewissem Ausgang habe begonnen! (05.05.2022/alc/a/a)