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Mit Beteiligung an Finanzmärkten der Nullrendite trotzen


13.11.17 12:00
ETHENEA

Munsbach (www.anleihencheck.de) - Die Sparer Kerneuropas verlieren durch die anhaltende Niedrigzinsphase massiv Geld, so die Experten von ETHENEA.

Man könnte fast von einer gigantischen Enteignungsphase sprechen, vor der alle die Augen verschließen würden. Ein baldiges Ende dieser Phase sei nicht in Sicht - und das, obwohl sich das wirtschaftliche Umfeld in der Eurozone seit Beginn der sogenannten unkonventionellen Geldpolitik der EZB Anfang 2015 deutlich gebessert habe.

"Das Wachstum liegt auf Vorkrisenniveau und Deflation ist auch kein Thema mehr. Dennoch hält die Zentralbank an ihrem Kaufprogramm für Staatsanleihen und Unternehmensanleihen fest und wird bis mindestens September 2018 ungefähr 40 Milliarden Euro pro Monat an neuen Anleihen kaufen", sage Guido Barthels, Senior Portfoliomanager bei ETHENEA Independent Investors S.A. Die damit verbundene finanzielle Repression sei auf Dauer nicht wirklich hinnehmbar. Allerdings würde ohne sie der Zusammenhalt des Euros gefährdet, wenn Italien durch höhere Zinsen seine Zahlungsfähigkeit verliere. "Leidtragende der aktuellen Situation sind vor allem Bürger mit durchschnittlichem Einkommen, die der Enteignung nur mit einer Beteiligung an den Finanzmärkten entgegenwirken könnten", so Barthels.

Die EZB habe bereits bis Ende September 2017 Anleihen für 2.118 Milliarden Euro gekauft - ein Wert, der immerhin 20 Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung der gesamten Eurozone entspricht. "Diese nicht unerhebliche Summe ist maßgeblich dafür mitverantwortlich, dass die Renditen für Kapitalanlagen sehr niedrig sind und in einigen Regionen sogar signifikant unter der Inflationsrate liegen. Die Ankündigung von EZB-Präsident Draghi, die kurzen Zinsen noch längere Zeit nach Auslaufen des bisher nicht terminierten Kaufprogramms auf dem historisch niedrigen Niveau von Null zu halten, lassen frühestens 2019 eine Normalisierung der Zinsen vermuten", so Barthels. Durch diesen massiven Eingriff in die Balance zwischen Angebot und Nachfrage seien die Preise für Anleihen gestiegen und Renditen gesunken.

Unter der Annahme, dass Bundesanleihen in der Eurozone eine Ankerfunktion einnähmen und gegenüber allen anderen Staatsanleihen mit einem Renditeabschlag bepreist würden, rentierten Anleihen der südeuropäischen Staaten oberhalb der Rendite von Bundesanleihen. Italien und Spanien lägen unter dieser Prämisse eher bei 6 Prozent als den aktuellen 1,9 Prozent beziehungsweise 1,5 Prozent.

Doch gerade Italien sei mit einer Staatsverschuldung von über 160 Prozent des BIP eine große Belastung für den Zusammenhalt der gemeinschaftlichen Währung: "Too big to fail ist in diesem Zusammenhang keine leere Worthülse, da Italien auch absolut gesehen mit mehr als 2.300 Milliarden Euro Schulden (2016) ein Schwergewicht ist. Diese Schulden bleiben nur beherrschbar, wenn die Zinsbelastung geringer ist als das nominale Wirtschaftswachstum, das in Italien derzeit bei 1,8 Prozent liegt. Eine höhere Zinsbelastung würde bei sonst gleichbleibenden Parametern zu einem stetigen Anstieg der Schulden führen. Einen möglichen Zahlungsausfall Italiens würde der Euro aber wohl nicht überstehen", erkläre Barthels.

Die Vermutung läge daher nahe, dass Mario Draghis historischer Ausspruch 'whatever it takes' vom 26. Juli 2012 durchaus wörtlich zu nehmen gewesen sei. Insofern seien nicht Bundesanleihen der eigentliche Anker innerhalb der Eurozone, sondern italienische Staatsanleihen, zumindest für die EZB. Dieses Verhalten führe allerdings gerade in den sogenannten Kernländern der Eurozone zu dem Phänomen der finanziellen Repression. "Die Renditen der Staatsschulden sind niedriger als die Inflationsraten. Der Staat entschuldet sich auf Kosten der Sparer. Seriöse Studien belegen, dass durch die extreme Niedrigzinspolitik zwischen 2010 und 2016 selbst unter Berücksichtigung der Vorteile durch niedrige Kreditzinsen allein die deutschen Privathaushalte ungefähr 200 Milliarden Euro verloren haben - Geld, das für künftigen Konsum fehlen wird", so der Experte.

Barthels führe eine stark vereinfachte Beispielrechnung an, die das Dilemma offenbare: Nehme man an, dass ein durchschnittlicher Arbeitnehmer über 20 Jahre monatlich 200 Euro für die Alterssicherung spare, ergebe das bei einem jährlichen Zins und Zinseszins von 1 Prozent nur 53.000 Euro. Bei einem Zins von 5 Prozent wäre es bereits ein Betrag von 83.000 Euro, also über 50 Prozent mehr. "Wirklich wohlhabende Bürger sind in der Lage, ihre Erträge durch ein Ausweichen in Nicht-Finanzanlagen zu generieren. Die Realgüterinflation, die bei den Standardberechnungen der Inflationsraten nicht berücksichtigt wird, ist erheblich", sage Barthels.

Immobilienpreise seien beispielsweise in Deutschland zwischen 2010 und 2016 sowohl bei Neubauten wie auch im existierenden Bestand um mehr als 40 Prozent gestiegen. Allerdings lägen Immobilieninvestitionen jenseits der Möglichkeiten des sogenannten kleinen Mannes. "Ihm bleibt oft nur der Weg über die Finanzmärkte. An dieser Stelle sollte man die Lanze für Fondsprodukte brechen, die bei vergleichbar geringem Risiko höhere Erträge bringen als die klassischen Sparformen wie Bausparen oder gar das Sparbuch. So kann man der Enteignung der Durchschnittsverdiener etwas entgegensetzen", so der Experte.

Im Hinblick auf die übertriebene Niedrigzinspolitik der EZB sei die Meinung geteilt. "Zum einen ist die damit verbundene finanzielle Repression nicht wirklich auf Dauer hinnehmbar. Auf der anderen Seite kann es aber auch nicht in unserem Interesse sein, dass Italien durch höhere Zinsen in die Zahlungsunfähigkeit getrieben wird und damit zu einer Gefahr für den Zusammenhalt des Euros würde. Wir sitzen also irgendwo zwischen zwei Stühlen mit Blick auf die EZB", schließe Barthels. (13.11.2017/alc/a/a)