Benzinpreise in den USA: Erreichen sie bald die Schmerzgrenze?


02.07.21 12:35
LYNX Broker

Berlin (www.anleihencheck.de) - Es war zu erwarten, dass die Preise insgesamt zunächst einmal steigen würden, je näher sich die Welt wieder in Richtung Normalität bewegt, so die Experten des Online-Brokers LYNX.

Die Gründe seien schnell erklärt: Konsum und Investitionen, die während der Pandemie zunächst vertagt und aufgeschoben worden seien, würden nun nachgeholt. Gleichzeitig seien Produktion und Lieferketten noch nicht wieder vollständig angelaufen, sodass es an einigen Stellen immer wieder zu Engpässen komme. Für die US-Regierung bestehe daher auch angesichts steigender Inflationszahlen noch kein Grund zur Beunruhigung. Doch diese Einschätzung der Lage könnte sich als Fehler herausstellen, meine Sascha Sadowski, Marktexperte beim Online-Broker LYNX.

"Gerade die steigenden Benzinpreise in den USA sollten die Verantwortlichen in der US-Regierung und bei der FED genaustens im Auge behalten, denn sie haben nicht nur Auswirkungen auf den Geldbeutel der Verbraucher, sondern auch auf ihre Psyche. In einem Land, in dem das Auto vielerorts als unverzichtbargilt, könnten die immer weiter steigenden Kosten an der Zapfsäule die Stimmung im Land deutlich eintrüben", so der Experte. Noch sei dieses Problem nicht akut geworden, denn aktuell liege der durchschnittliche Preis pro Gallone für Benzin in den USA bei 3,15 US Dollar, also nur rund 20 Cent über dem Durchschnitt der letzten 10 Jahre. "Auch das stellt bereits eine deutliche Steigerung von etwa einem Dollar im Vergleich zum vergangenen Jahr dar, allerdings befand sich das Land damals auch noch im Lockdown und dementsprechend beschränkten sich die meisten Menschen auf die absolut nötigsten Fahrten, wodurch wesentlich weniger Benzin gebraucht wurde. Insgesamt muss man den aktuellen Preisanstieg auch hier also als Rückkehr zu einem normalen Preisniveau ansehen."

Für die Zukunft sehe Sadowski allerdings durchaus ein Problem, insbesondere in Anbetracht eines drohenden Ölpreises von 100 US-Dollar, den die Bank of America kürzlich für 2022 prognostiziert habe. "Die Nachfrage nach Öl dürfte in den kommenden Monaten und Jahren weiter steigen und es ist nicht sicher, ob das Angebot hier mithalten kann. Sollte der Ölpreis tatsächlich nächstes Jahr auf 100 US-Dollar steigen, dürfte sich der Benzinpreis der Vier-Dollar-Marke pro Gallone annähern. Als der Ölpreis das letzte Mal auf dieses Niveau geklettert ist, waren an der Tankstelle noch 3,75 US-Dollar fällig. Doch mittlerweile treiben vielerorts Steuern und höhere Produktionskosten der Raffinerien die Preise in die Höhe und ein Benzinpreis von vier US-Dollar ist für viele Verbraucher die absolute Schmerzgrenze. Steigt er noch höher oder bleibt über längere Zeit auf diesem Niveau könnte das für die US-Regierung unangenehme Folgen haben", erkläre Sadowski.

Für Präsident Biden und seine Demokraten bedeutet das, dass sie den Benzinpreis genau im Auge behalten sollten, denn auch wenn er aktuell über gute Umfragewerte verfüge, bedeute das nicht, dass die Zustimmungsrate nicht genauso schnell wieder sinken könne. Dazu Sadowski: "Im Moment sind die Amerikaner hauptsächlich froh darüber, dass sie sich dank der Impfkampagne der Regierung wieder halbwegs frei bewegen können. Hinzu kommen die Stimulus-Schecks und das Geld, das sie in den vergangenen Pandemie-Monaten gespart haben. Da kommt es auf einige Cent mehr oder weniger an der Zapfsäule nicht an. Doch diese Euphorie wird nicht anhalten, bereits in ein paar Monaten dürften die Unmutsbezeugungen beim Blick auf die Benzinpreise deutlich lauter werden. Falls Präsident Biden dann weiterhin beschwichtigt, dass es sich um ein vorrübergehendes Problem handle und keine Maßnahmen gegen die fortschreitende Inflation nötig wären, könnten viele Amerikaner das als unsensibel und abgehoben interpretieren."

Für Präsident Biden würde der Verlust der Wählergunst darüber hinaus noch ein anderes Problem aufwerfen, denn sein ambitioniertes Programm zur Energiewende in den USA kann nur funktionieren, wenn er die Bürger auf seine Seite holt. "Bidens Ziel, Kohle bis 2050 komplett aus der US-amerikanischen Wirtschaft zu streichen ist eine echte Herausforderung, sowohl was den zeitlichen Rahmen angeht als auch in Bezug auf die technischen Gegebenheiten. Gegner dieses Plans prangern bereits jetzt steigende Kosten für Verbraucher an und ihnen würde ein rapide steigender Benzinpreis natürlich in die Karten spielen."

Doch noch bestehe durchaus die Hoffnung, dass Präsident Biden und die FED Recht behalten und die Inflation auch in Bezug auf den Benzinpreis bald wieder sinken werde. "Allzu hohe Benzinpreise haben oft die Eigenschaft, sich selbst zu bremsen, denn je höher der Preis, desto eher werden die Ölproduzenten die Fördermenge erhöhen, was wiederum zu einer Entspannung der Lage führen dürfte." Auch die Bank of America gehe in ihrer oben genannten Analyse davon aus, dass sich die Lage spätestens 2023 wieder entspanne. Für Präsident Biden könnte das allerdings zu spät sein. (02.07.2021/alc/a/a)