Erweiterte Funktionen

Benchmarkenanleihen lassen sich nicht aus der Ruhe bringen


15.05.20 08:30
Hamburg Commercial Bank

Hamburg (www.anleihencheck.de) - FED-Chef, Jerome Powell, hat vorgestern an den Finanzmärkten für eine gewisse Ernüchterung gesorgt und indirekt die Spekulation angeheizt, auch die USA können irgendwann zum Instrument der negativen Zinsen greifen, so Christian Eggers, Senior FX Trader bei der Hamburg Commercial Bank.

Powell habe in jedem Fall deutlich gemacht, dass er für die US-Wirtschaft beträchtliche Abwärtsrisiken sehe. Als wichtigste Unsicherheit identifiziere der FED-Präsident das Thema der Kontrolle des Coronavirus, aber auch, ob das Vertrauen der Menschen zurückkehre. Powell habe außerdem davor gewarnt, dass je länger die Rezession anhalte, desto stärker die langfristigen negativen Effekte auf die Produktivität seien. Sprich: Menschen würden nach längerer Arbeitslosigkeit ihre Qualifikationen verlieren, während ungenutzte Technologien veralten und nutzlos würden.

Der Notenbankchef mahne daher die US-Regierung und den Kongress noch mehr zu unternehmen. Implizit könne man Powell auch so verstehen, dass für den Fall, dass die Regierung nicht mehr unternehme, die FED doch noch mal genauer über negative Zinsen nachdenken werde. Zwar habe Powell dieses Instrument bislang abgelehnt, was unter anderem auch damit zusammenhängen dürfte, dass Geldmarktfonds mit US-Schatztiteln im Volumen von knapp 4.000 Mrd. US-Dollar durch negative Zinsen Probleme bekommen dürften. Kategorisch ausgeschlossen habe er Zinsen von unter 0% jedoch nicht. Theoretisch wäre es ja denkbar, den Einlagenzins für Banken beispielsweise auf -5% zu setzen, sodass es sich für die Kreditinstitute lohnen würde, Konsumentenkredite für -1% auszureichen, sodass auf diese Weise der private Konsum angeregt werden könnte.

In Reaktion auf die Powell-Rede hätten die Aktienmärkte einen tiefen Taucher gemacht, während an den Rentenmärkten die Renditen nur leicht zurückgegangen seien. Zehnjährige T-Notes würden derzeit bei 0,62% und Bunds bei -0,54% rentieren. Es fehle etwas die Fantasie, was die Benchmarkanleihen aus ihrer engen Trading-Range herauskatapultieren könne, nach unten oder nach oben. Der Rekordbeschäftigungsrückgang am US-Arbeitsmarkt um 20,5 Millionen Menschen, wie er am vergangenen Freitag veröffentlicht worden sei, sei jedenfalls nicht dazu in der Lage gewesen. Ein Impfmittel oder eine wirkungsvolle Medizin gegen Covid-19 wäre da schon eher ein Kandidat, aber darauf müsse man vermutlich noch weit in das nächste Jahr hinein warten.

Derweil würden in Italien noch nicht endgültig einzuordnende politische Entscheidungen gefalle. So habe das Kabinett nach mehrwöchigen Diskussionen ein Hilfspaket von 55 Mrd. Euro vereinbart (2,8% des BIP). Jetzt müssten noch die beiden Parlamentskammern zustimmen. Abgesehen davon, dass das Volumen relativ niedrig ausfalle, kritisiere der Industrieverband Cofindustria, dass angesichts der 250 Einzelmaßnahmen das Gießkannenprinzip angewendet worden sei. Der Verband habe vor 270.000 Betriebsschließungen insbesondere im Dienstleistungsbereich gewarnt. Das Verarbeitende Gewerbe sei aber auch schwer getroffen. So sei die Industrieproduktion im März um knapp 30% YoY eingebrochen und da im April in weiten Teilen des Landes die Bänder ebenfalls still gestanden hätten, müsse man sich fragen, ob der von der Europäischen Kommission prognostizierte BIP-Rückgang um 9,5% in diesem Jahr nicht zu optimistisch sei.

Heute werde das deutsche Finanzministerium seine neue Steuerschätzung vorlegen. Es sei von einem Rückgang von rund 120 Mrd. Euro gegenüber dem Vorjahr die Rede, was einem Einbruch von 16% entspreche. Angesichts der Probleme, denen sich dadurch unter anderem die Kommunen gegenübersähen, dürfte die Bundesregierung bei einigen Hilfspaketen noch einmal nachbessern. Es sei daher mehr als wahrscheinlich, dass das Budgetdefizit in diesem Jahr nicht wie vom Internationalen Währungsfonds prognostiziert bei 5,5% des BIP liege, sondern deutlich höher. Die Bundeskanzlerin habe "vorerst" Steuererhöhungen ausgeschlossen und in der Tat wäre das angesichts der Corona-bedingten Belastungen für die Unternehmen wirtschaftspolitischer Unsinn, zumal die Zinsbelastung für den öffentlichen Sektor nicht steigen, sondern zunächst eher noch weiter zurückgehen werde.

In den kommenden Tagen sei auf die BIP-Zahlen in Deutschland (15.05.) und in der Eurozone (zweite Schätzung, auch 15.05.) zu achten. Deutschland werde im ersten Quartal vermutlich noch relativ glimpflich davonkommen, mit einer Schrumpfungsrate von 2,5% bis 3% QoQ. Die PMI-Einkaufsmanageindices für den Monat Mai in der Eurozone (Schnellschätzung am 22.05.) dürften leicht höher als die Indices im April liegen, aber noch keinen echten "Rebound" zeigen. Ansonsten sollten die Finanzmarktteilnehmer weiterhin auf den täglichen Verlauf bei den Corona-Neuinfektionen und den Todesfällen achten, nicht nur in Deutschland, sondern unter anderem auch bei den wichtigen Handelspartnern USA und Großbritannien, wo die Datenlage bislang keinen Anlass gebe, beruhigt aufzuatmen. (Ausgabe vom 14.05.2020) (15.05.2020/alc/a/a)