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Bank of England: Meinungsverschiedenheiten bei der Geradeausfahrt


15.06.17 14:45
Nord LB

Hannover (www.anleihencheck.de) - Das Monetary Policy Committee (MPC) der Bank of England (BoE) hat heute entschieden, alle relevanten geldpolitischen Parameter im Vereinigten Königreich unverändert zu belassen, so die Analysten der Nord LB.

Die Bank Rate verbleibe bei 0,25% und auch die Zielgrößen der Ankaufprogramme von Staats- und Unternehmensanleihen seien nicht angetastet worden. Diese Geradeausfahrt der Londoner Notenbank sei von den Analysten und allen anderen Volkswirten erwartet worden und daher wenig überraschend.

Bei der Abstimmung zum Leitzins hätten neben Kristin Forbes mit Ian McCafferty und Michael Saunders zwei weitere Mitglieder des MPC für eine Anhebung der Bank Rate um 25 Basispunkte votiert. Die Beschlüsse zu den Ankaufprogrammen seien einstimmig erfolgt. Für Frau Forbes sei es heute die letzte Gremienmitwirkung gewesen, sie lege ihre Mandat zum 30. Juni nieder und werde sich fortan auf ihre akademische Laufbahn am MIT konzentrieren. Ein Falke fliege damit davon. Die Erwartung an ein zukünftig einheitlicheres Meinungsbild könnte sich nach der heutigen Sitzung allerdings als trügerisch erweisen. Mit drei Stimmen für und fünf Stimmen gegen eine Straffung sei der Dissens jedenfalls erstaunlich offensichtlich.

Die BoE bewege sich mehr denn je in einem geldpolitischen Spagat. Die sich merklich abkühlende wirtschaftliche Dynamik einerseits und der weit über der Ziellinie liegende Anstieg der Verbraucherpreise andererseits würden ihre Manövrierfähigkeit begrenzen. Nach inzwischen revidierten Berechnungen habe sich das Wirtschaftswachstum in Großbritannien im 1. Quartal auf nur noch 0,2% Q/Q abgeschwächt. Die Inflationsrate sei im Mai auf 2,9% Y/Y geklettert. Dieser Wert sei in der Tat Besorgnis erregend, nicht nur, weil er unter Geldwertstabilitätserwägungen kaum tolerabel sei.

Hinzu komme, dass die starke Teuerung den Ausgabenspielraum der privaten Haushalte regelrecht stranguliere. Dem gestern veröffentlichten Arbeitsmarktbericht sei zu entnehmen gewesen, dass die Durchschnittseinkommen im Zeitraum von Februar bis April gegenüber der Vorjahresperiode um lediglich 1,7% hätten zulegen können. Bei Inflationsraten in der Nähe von 3% laufe dies auf einen schmerzlichen Verlust an realer Kaufkraft hinaus. Die heute bekannt gegebenen sehr ernüchternden Zahlen zur Entwicklung der Einzelhandelsumsätze würden das eindrucksvoll widerspiegeln.

Beides, die schwache Konjunktur und die hohe Preissteigerung habe viel mit den Unwägbarkeiten im Vorfeld der Brexit-Verhandlungen zu tun. Im politischen Zerrspiel nach der für Premierministerin May und ihre Conservative Party desaströsen Parlamentswahl zeichne sich noch keine klare Position der voraussichtlich kaum durchsetzungsfähigen Minderheitsregierung ab. Diese Unsicherheit lähme die wirtschaftliche Aktivität. Zugleich würden die Devisenmärkte die Inselwährung abstrafen, was wiederum die importierte Inflation befeuere.

In dieser Gemengelage seien Prognosen zur Konjunktur- und Preisentwicklung in Großbritannien gewiss nicht einfacher geworden. Die Analysten würden sich aber dennoch zutrauen, für das nächste Jahr ein Wirtschaftswachstum von nur noch 0,6% und eine Inflationsrate von 2,7% vorherzusagen. Sollte die BoE den makroökonomischen Datenkranz auch nur annähernd ähnlich beurteilen, werde sie sich aus der geldpolitischen Zwickmühle bei allen Meinungsverschiedenheiten kaum lösen können und weiter geradeaus fahren müssen.

Die Bank of England habe heute alle relevanten geldpolitischen Parameter unverändert belassen. Bei der Abstimmung zum Leitzins hätten allerdings drei Mitglieder des MPC für eine Anhebung der Bank Rate um 25 Basispunkte votiert. Der Dissens sei damit erstaunlich offensichtlich. Die sich abkühlende wirtschaftliche Dynamik und der über der Ziellinie liegende Anstieg der Verbraucherpreise würden jedoch die Manövrierfähigkeit begrenzen. Die BoE werde sich aus dieser Zwickmühle bei allen Meinungsverschiedenheiten kaum lösen können und weiter geradeaus fahren müssen. (15.06.2017/alc/a/a)