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Bank of England: Carneys Verschleierungstaktik


02.11.17 12:55
HSH Nordbank AG

Hamburg (www.anleihencheck.de) - Mark Carney, Chef der Bank of England (BoE), gibt Rätsel auf, so die Analysten der HSH Nordbank AG.

Die britische Volkswirtschaft gehöre zu den Ökonomien, die weltweit die schwächste Dynamik aufweisen würden und die Unsicherheit sei angesichts der Sackgasse, in der sich die Brexit-Verhandlungen befänden, groß. Und dennoch werde die BoE heute (02.11.) wahrscheinlich den Leitzins anheben. Was sei da los?

Die scheinbar nahe liegende Antwort sei: Die Inflation sei im September auf 3,0 Prozent gestiegen, natürlich müsse die Notenbank in diesem Fall gegensteuern. Zumal die Bank of England die Zielverfehlung gegenüber dem Finanzministerium schriftlich begründen müsse. Aber mal ehrlich: Habe Mark Carney bei einer sich abschwächenden Konjunktur die Befürchtung, die Inflation könne davoneilen? Ihm müsse doch klar sein, dass der abwertungsbedingte Preisauftrieb von temporärer Natur sei, es sei denn, das Britische Pfund werte über mehrere Jahre ab.

Und genau da dürfte der eigentliche Grund für die Ankündigung einer Zinserhöhung liegen: Die Angst vor Kapitalflucht und einer unkontrollierten Pfund-Abwertung. Abwegig? Keineswegs. Im zweiten Quartal hätten ausländische Investoren Beteiligungen in Großbritannien um 1,5 Mrd. Pfund reduziert, der höchste Wert seit 30 Jahren. Gleichzeitig hätten britische Investoren per Saldo ihre Beteiligungen im Ausland um 16,1 Mrd. Pfund aufgestockt. So viel Kapital sei zuletzt Anfang 2011 außer Landes geflossen.

Auch wenn diese Zahlen alleine keine ausreichende Beweisgrundlage für eine anhaltende Kapitalflucht darstellen würden, sei jedem Großbritannien-Beobachter klar, dass das Land anfällig für die schwankenden Stimmungen an den Kapitalmärkten sei. Das Vereinigte Königreich weise seit 1999 durchgehend ein Leistungsbilanzdefizit auf. Zuletzt habe der Saldo -4,6 Prozent des BIP erreicht, vor einem Jahr habe der Wert sogar bei knapp -7 Prozent des BIP gelegen.

Mark Carney stecke in einem Dilemma. Die Wirtschaft schwächle und eine Zinserhöhung wäre das Letzte, was sie jetzt vertragen könnte. Noch gravierender wäre allerdings eine Zahlungsbilanzkrise, bei der Unternehmen und Privatanleger aus Furcht vor einer Abwertung des Pfunds ihr Kapital im Ausland in Sicherheit bringen und genau dadurch die britische Währung zum Absturz bringen würden. Was mache Carney also? Er betreibe eine Verschleierungstaktik, indem er auf die hohe Inflation hinweise und von dem eigentlichen Problem, einer möglicherweise anhaltenden Kapitalflucht, ablenke. Er nehme dabei in Kauf, dass die konjunkturelle Lage eine Zinserhöhung eigentlich nicht vertrage, weil die Alternative (unkontrollierte Kapitalflucht) in jedem Fall verhindert werden müsse.

Was folge daraus? Die Zinserhöhung dürfte in den nächsten Monaten umgesetzt werden und weitere würden wahrscheinlich folgen, aber die Abwertung des Pfunds werde vermutlich nur gebremst, nicht umgekehrt. Der Schlüssel für eine Stabilisierung der Währung liege ganz klar bei der Regierung. So lange sie mit einem harten Brexit und einem "No-Deal"-Szenario spiele und Verhandlungsfortschritte mit der EU ausbleiben würden, werde sich das Dilemma für Carney - anders als das oben genannte Rätsel - nicht auflösen. (02.11.2017/alc/a/a)