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Atempause für die EZB


10.07.20 15:50
Helaba

Frankfurt (www.anleihencheck.de) - Die Entscheidungen, die Liquiditätsversorgung im Euroraum deutlich auszuweiten, sind in den vergangenen Sitzungen des EZB-Rats getroffen worden, so die Analysten der Helaba.

Nun würden sich die erhofften Effekte zeigen. Die Finanzmärkte würden stabilisiert wirken, die Konjunktur erhole sich. Gleichwohl dürfte EZB-Präsidentin Christine Lagarde zur Vorsicht mahnen und eine erhöhte Wachsamkeit der EZB signalisieren.

Wenn am Donnerstag der EZB-Rat tage, gehe es vermutlich nicht vorrangig um die Frage, ob nochmal nachgelegt werden solle. Bei der letzten Entscheidung habe der Rat das Pandemie-Kaufprogramm auf 1350 Mrd. Euro erhöht und die Laufzeit bis mindestens Juni 2021 verlängert. Damit gebe es aktuell keinen großen Handlungsdruck, zumal zeitgleich umfangreiche fiskalpolitische Maßnahmen beschlossen worden seien und es seit kurzem mit der Euro-Konjunktur schrittweise aufwärts gehe. Zudem habe der strategische Kopf im geldpolitischen Kampf gegen die Covid19-Folgen EZB-Chefvolkswirt Philip Lane ebenso wie seine Chefin Christine Lagarde zuletzt Zurückhaltung signalisiert.

Die bisherigen geldpolitischen Maßnahmen würden von der EZB als effektiv eingestuft. Die Risikoaufschläge seien unter Kontrolle, die Finanzmärkte würden den Umständen entsprechend stabil wirken. Die dazu eingesetzten Liquiditätsspritzen seien allerdings auch hoch dosiert gewesen. Dies zeige der sprunghafte Anstieg der Bilanzsumme Ende Juni um 600 Mrd. Euro. Darin würden sich die jüngsten längerfristigen Refinanzierungsgeschäfte (TLTRO-III) widerspiegeln, die sich aufgrund ihres hohen Subventionierungscharakters bei den Banken starker Nachfrage erfreut hätten. Die EZB-Bilanzsumme sei damit seit Jahresbeginn um 34% angestiegen. Die FED liege bezüglich der Dynamik mit einem Plus von rund 70% zwar deutlich höher. Der Abstand der Volumina insgesamt habe sich zuletzt jedoch spürbar reduziert.

Die niedrige Teuerung im Euroraum von zuletzt 0,3% gebe der EZB ausreichend argumentativen Spielraum für ihre extreme Geldpolitik, auch wenn dies angesichts des herrschenden Ausnahmezustands kaum notwendig erscheine. Zudem würden Äußerungen vermuten lassen, dass im derzeitigen Umfeld viele in der EZB eher mit einer Deflation als mit einer monetär induzierten Inflation rechnen würden. Solche Befürchtungen scheinen jedoch, zumindest wenn man die Inflationserwartungen der Konsumenten im Euroraum betrachtet, übertrieben zu sein, so die Analysten der Helaba.

Umfragen würden zeigen, dass mit anhaltend steigenden Verbraucherpreisen gerechnet werde. Für Kaufzurückhaltung der EZB gebe es eigentlich keinen Anlass. Spannend werde es vermutlich im kommenden Jahr, wenn sich im Zuge des konjunkturellen Aufholprozesses die Inflationsraten wieder normalisieren würden. In Ländern wie Deutschland könnte das EZB-Ziel von 2% sogar klar übertroffen werden. Dass sich an der ultralockeren Geldpolitik allerdings etwas signifikant ändere, sei angesichts der dramatisch wachsenden Verschuldung und erhöhter Zinsempfindlichkeit nicht zu erwarten. (10.07.2020/alc/a/a)